Helsinki: Ich bin dann mal weg, Part I

Acht Wochen. Mann kann die Uhr danach stellen. Genau acht Wochen dauert es, bis ich an dem Ort, an dem ich mich gerade befinde, einen schlimmern Lagerkoller bekomme. Mitte September diesen Jahres bin ich aus Asien wiedergekommen, also war es Mitte November höchste Zeit für mich, mal wieder abzuhauen. Ich hatte zwar ursprünglich nicht geplant, nach Heimkehr von meiner Backpackingtpur das Land dieses Jahr nochmal zu verlassen, aber mein Lagerkoller war stärker als meine Ratio, und so hatte ich bereits im Oktober für unschlagbar günstige 70€ einen Hin- und einen Rückflug nach Helsinki gebucht. Freitag bis Montag. Weil ich eben raus musste.

Und so kam es, dass ich am vergangenen Freitag mittags um 11:30 Uhr in Tegel in einen Finnair-Flieger in Richtung Helsinki stieg. Um 12:05 Uhr sollte es losgehen. Aber mein Glücksgen kam mir mal wieder in die Quere.

Vor dem Start warteten wir 1,5h lang auf dem Rollfeld auf Freigabe. Das mag jetzt im ersten Moment nicht allzu sehr nach Glück klingen, war es für mich aber, denn der Grund, weshalb wir (so wie auch jeder andere Flieger auf dem Flughafen) auf Standby gehalten wurden, war, dass die Air Force One mit niemand geringerem als President Barack Obama an Bord zuerst dran war mit dem Start.

„Wenn Sie jetzt rechts aus den Fenstern gucken, sehen Sie die Air Force One abheben.“ sagte der freundliche Finnair-Captain, in einem Englisch mit finnischem Akzent, das mich sofort in meine Zeiten als Austauschstudentin zurückversetzte. Dann sah ich Obamas Flieger vorbeirauschen. So nah war ich wohl noch nie an ihm dran – und werde das aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht wieder sein. Hammer. Ich Glückskind.

Dann ging es schließlich los, auf einen unbequem ruppigen, dafür aber sehr zeiteffizienten Flug gen Helsinki-Vantaa Airport. Um mich herum sprach alles Finnisch, und so konnte ich mir ein kontinuierliches Grinsen während der gesamten Reisezeit nicht vergleichen. Irgendwie ist Finnland in meinem Herzen eben doch mein zweites Zuhause geblieben.

Nach der verspäteten Landung besorgte ich erstmal einen Kaffee (keine Überraschung für irgendwen, wenn wir mal ehrlich sind), und dann kam mir auch schon mein lieber Juho, treue Blogleser werden sich bestens an ihn erinnern, entgegen. Juho habe ich vor mittlerweile über zwei Jahren in einem meiner Hochschulseminare in Helsinki kennengelernt, und seitdem sind er und seine Verlobte Johanna zwei meiner besten Freunde, wirklich. Die beiden waren 2015 zwischen den Jahren bei mir und wenn wir uns nicht sehen skypen und telefonieren wir sehr regelmäßig in etwa zweiwöchigem Abstand. Es ist, wie mir immer gesagt wurde: Es ist nicht leicht, einen finnischen Freund zu finden, aber wenn man einen hat, dan hat man ihn auch für die nächsten 50 Jahre. Ich halte das für ein sehr realistisches Szenario.

Jedenfalls sammelte Juho mich auf, in Anzug und Manschettenknöpfen ob des besonderen Anlasses, wie er sagte, und wir machten uns auf den Weg zum Abendessen. Juho hatte natürlich seine Hausaufgaben gemacht, und so gab es hervorragende Burger mit Süßkartoffelpommes, für ihn mit Rind und Bacon und für mich mit Tofu und Guacamole. Wie das so muss. Und zum Nachtisch gab es veganen Key Lime Pie. Limettenkäsekuchen. Mir ging es ziemlich gut.

Nächster Stop war die Wohnung von Juhos Eltern, wo ich die erste Nacht verbringen sollte. Auch die beiden kannte ich bereits. Sie hatten mich zum Ende meiner Zeit als Gaststudentin schon mal für eine typisch finnische Mahlzeit bei sich eingeladen und ich hatte ein paar wundervoll entspannte Stunden mit ihnen in ihrem für Finnen so typischen Sommerhäuschen auf dem Land verbracht. Inklusive Paddeltour, Grillsession und Sauna. Man kannte sich also.

Dementsprechend groß war die Freude beim Wiedersehen. Wir unterhielten uns gut über Gott und die Welt, über der Eltern neues kleines Segelboot für den See und die Hochzeitsplanungen für Juhos und Johannas Heirat im kommenden Jahr. Es gab einen zweiten Nachtisch, extra für mich hausgemacht und daher schlecht ablehnbar, aber das bevorstehende Wochenende sollte ohnehin in einem Fressgelage enden. Dazu später mehr. Jedenfalls aß ich ein Schüsselchen aufgeschlagenen Kronsbeerengrießbreis. Zutaten: Kronsbeeren, Grieß, Zucker. Kochen, dann elendig lange in einer Küchenmaschine aufschlagen. Ein HERVORRAGENDER Nachtisch. Und der Geschmack von Kronsbeeren löst bei mir sowieso immer nostalgische Gefühle aus.

Danach drehten Juho und ich noch eine Runde um den Block und versackten im Anschluss bei guten Gesprächen mit den Eltern im Wohnzimmer, bis es Mitternacht wurde und ich mich in mein Bett verkroch. Ich fühle mich angekommen und einfach pudelwohl. WIe mir gesagt wurde, hatten Juho und Johanna bereits das gesamte Wochenende für uns durchgeplant, ich musste mich um nichts kümmern, und konnte mich völlig sorgenfrei auf die nächsten zwei Tage freuen. Herrlich.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen (Haferbrei und Kaffee mir Hafermilch – man kennt mich in Finnland) machten Juho und ich uns mit dem Bus auf den Weg in die Innenstadt Helsinkis, um Johanna einzusammeln und dann einen Tag in der Stadt zu verbringen. Gesagt, getan. Ich freute mich riesig, Johanna wieder zu sehen (ebenfalls Veganerin, und damit eine wichtige Verbündete bei der Nahrungssuche im hohen Norden) und wir schlenderten los, durch ein überraschend sonniges Helsinki. Mir ging das Herz auf.

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In dieser Stadt hängen einfach an jeder Ecke mehr oder minder wundervolle, aber auf jeden Fall immer beeindruckende Erinnerungen. Der Tag, an dem wir alle übermüdet von meinem 20. Geburtstag in St. Petersburg zurückkamen. Schlittschuhfahren vorm Hauptbahnhof. Unsere Abfahrt nach Lappland. Die Studentenralley zum Semesterbeginn. Die zahlreichen Fährfahrten nach Suomenlinna. Die Tagestrips nach Tallinn. Alles hatte hier begonnen.Und ich kam aus dem Grinsen nicht mehr heraus.

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Wir schlenderten durch die Einkaufsstraßen und einige weihnachtlich geschmückte Geschäfte bis hin zum Dom, DEM Wahrzeichen der Stadt und ein hervorragendes Fotomotiv, dann zum Hafen und durch den Esplanadi wieder zurück zum Kamppi. Wer schon mal da war weiß, was ich meine. Die Möwen schrien, die Sonne glitzerte im Meer, ich war in guter Gesellschaft und – und das war das wichtigste – wieder in Finnland.

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Zum Mittag hatten Juho und Johanna einen Tisch im besten Sushirestaurant der Stadt reserviert, weil sie wussten, dass ich Sushi so mag und die veganen Alternativen da super schmecken. Ehrlich Leute, wer Freunde hat wie die beiden ist gut versorgt, wirklich. Am vergangenen Wochenende fand ich mich mehrmals vor diversen Spiegeln in verschiedenen Waschräumen mehrerer Retsaurants und Museen wieder, mich selbst anschauend und denkend: „Wo-mit um Himmels Willen hast du solche Menschen in deinem Leben verdient. Was für ein verdammtes, verdammtes Glück, dass Juho damals im selben Seminarraum saß wie du. Heilige Scheiße. Maktub.“

Das Sushi war tatsächlich großartig gut, und nachdem wir uns alle reichlich am All-you-can-eat-buffet bedient hatten, rollten wir wieder hinaus auf die Straße und hinein ins Kiasma Museum for Contemporary Art. Man könnte meinen, dass ich jenes Museum für moderne Kunst in Anbetracht meiner Interessenlage bereits während meines Jahre in Helsinki besichtigt haben muss, doch dem ist nicht so. Tatsächlich war alles zeitlich so unlücklich gelaufen, dass das Kiasma genau in der Zeit, in welcher ich in Finnland war, wegen Umbauarbeiten geschlossen gewesen war, weshalb ich einen Besuch dort unbedingt nachholen wollte. Was Juho und Johanna wussten. Und so traten wir ein.

Wir streunten etwas unter zwei Stunden durch die frisch renovierten, großzügigen Räume. Ich hab ja echt was übrig für moderne Architektur, Juho Gott sei Dank auch, und Johanna zeigte sich ebenfalls sehr interessiert an den Ausstellungen. Das ist ja immer meine größte Sorge, dass sich Menschen nur wegen mir durch solche Museen quälen. Ich weiß, dass das nicht jedermanns Sache ist, und so bin ich immer sehr glücklich, wenn sich meine Begleitung auch einigermaßen gut unterhalten fühlt. Tat sie. Und so schritten wir vorbei an überdimensionierten Porträts zweier Opfer von Säureangriffen in Indien (sowas passiert einem da unter Umständen, wenn man partout keinen Sohn zur Welt bringt), Weltkarten aus Glasperlen, einem riesigen Globus, und verschiedenen anderen Installationen und Fotografien, die doch sehr in meine Liebe zu den Kulturen dieser Welt spielten.

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Als wir alles gesehen hatten und uns die allgemein bekannte Museumsmüdigkeit packte, beschlossen wir, einen Kaffee zu besorgen. Finnischer Kaffee hilft ja bekanntlich immer gegen Müdigkeit und zu niedrigen Blutdruck.

Mit Kaffee versorgt und voller Eindrücke aus Helsinki ging es dann per Bus zurück zu Juho’s Eltern – wo mich die Überraschung des Tages erwartete. Juho und Johanna hatten mich unseren gesamten Ausflug nicht wissen lassen wollen, was es zum Abendessen geben würde, und jetzt stellte es sich schließlich heraus:

Juhos Mutter, die grinsend im Türrahmen stand und „klein Weihnachten“ verkündete, hatte ein komplettes, typische finnisches Weihnachtsmenü vorbereitet – in vegan. Ich wäre beinahe aus meinen Schuhen gekippt. Bei so viel Glück auf einmal musste ich mich doch langsam fragen, ob das eventuell der Abgesang des Universums für mich war und ich morgen direkt nach dem Aufstehen von einem Auto überfahren werden sollte. Wurde ich nicht. Aber die Gefahr hatte durchaus bestanden.

Das Essen war einfach einsame Spitze. Alles. Punkt. Es gab:

Waldorfsalat, Süßkartoffelauflauf, Karottenpüree, Pastinakenauflauf, einen Auflauf aus roten Beeten und Käse, einen Weihnachtsbraten aus Seitan, eine Bratensoße aus Pfifferlingen und (Hafer-)sahne, frisches Roggenbrot und zum Nachtisch (!) eine Pflaumencreme aus Sahne und Pflaumen und noch irgendwas. Wohl überflüssig zu erwähnen, dass ich mich heillos überfraß und das dann nicht einen Augenblick lang bereute. Johanna, meine vegane Unterstützung schlien ebenfalls sehr glücklich, und Juhos Eltern verkündeten beide, dass ihnen an jenem Essen absolut nichts fehle und sie das Weihnachten durchaus wiederholen würden. Juhos Vater schlug sogar eine vegane Woche im Januar vor, weil ihm auch der geräucherte, vegane Scheibenkäse, der zum Brot gereicht wurde, so unfassbar gut schmeckte. Nur der gute Juho, seit jeher mäkeligster Esser der Welt, hielt sich lediglich mit grünem Blattsalat und literweise Cola über Wasser, da ihm beim Rest der Gerichte „die Konsistenz“ nicht passte. Das war aber für niemanden etwas neues, denn genau aus diesem Grund isst Juho auch keinen Haferbrei, Pudding, Griesbrei, Marmelade, rote Grütze, Kartoffelpüree oder sonst irgendwas, was konsistenztechnisch in jene Richtung tendiert. Egal, ob das nun vegan ist oder nicht.  Schließlich rang er sich dazu durch, mit vier verschiedenen, kleinen Löffeln die vier verschiedenen Aufläufe, Pürees und Suppen probierte. Das Unterdrücken des Würgreizes gelang ihm dabei nicht immer, was für alle anwesenden doch irgendwie lustig aussah. Egal, irgendwann waren wir alle satt und glücklich und rieben uns die vollgegessenen Bäuche. War das schön.

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Dann wurde ich in die Outdoormontur von Juhos Schwester gehüllt. Warum? Fragte ich mich auch. Die einzige Antwort, die ich bekam, war: „Für morgen.“ Aha. Was genau da passieren sollte, wurde mir aber nicht mitgeteilt. Ich kannte das Schema bereits und hakte deshalb nicht weiter nach.

Schließlich zogen wir zu Johannas Eltern um. Die wohnten nur wenige Autominuten entfernt und hatten in ihrem Haus etwas mehr Platz, um uns drei zu beherbergen. Auf dem Weg dahin gabelten wir noch Toni auf, Juhos Trauzeugen, den ich unbedingt noch vor der Hochzeit nächsten Sommer kennen lernen sollte. Netter Typ.

Als wir bei Johannas Eltern ankamen, machten die gerade Essen. Der schiere Geruch machte schon, dass mir etwas anders wurde, aber der Höflichkeit halber (und weil mir niemand half, mich aus dieser misslichen Lage zu befreien), knabberte ich noch ein halbes Brötchen mit Tomaten  und Knoblauchbutter, aber nicht, ohne mit viel Kraft den Nahrungsbrei in meinem Magen zu halten. Das war eher nicht so schön.

Es folgten wieder nette Gespräche und einige Runden eines Gesellschaftsspieles, bis wir uns um halb 12 Uhr Abends in unsere Betten verkrochen. Meine Outdoorkleidung lag bereit und wartete gedultig auf ihren Einsatz unbekannter Art.

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