Espoo, Part II: Ein Fest der Tränen

Hochzeitstag. Mir wird im Nachhinein noch schlecht vor Aufregung, wenn ich daran denke. Kurze Anmerkung: Die Bilder reiche ich nach, sobald Juho und Johanna sie vom Fotografen bekommen haben. Soll ja alles seine Ordnung haben hier.

Am nächsten Morgen also war es soweit. Der Hochzeitsgottesdienst war für ein Uhr nachmittags geplant, dementsprechend entspannt war der Morgen für mich. Meine Haare lagen bereits in Position, mein Outfit hing an einem Kleiderbügel bereit, und so konnte ich den gesamten Vormittag lang im Schlafanzug sicherstellen, dass die Hauptpersonen – Juho nebst Eltern – bestens versorgt waren. Es gab Frühstück, emotionalen Beistand, Spülmaschinen Aus- und Einräumdienst sowie den „Kacke Klara! Ich hab vergessen mein Geschenk einzupacken, hier ist Papier, hier ist Geschenkband, kannst du dich drum kümmern und das Ganze nachher mit zur Kirche bringen?“-Service für Salla.

Juho musste als erster los. Während seine Schwester bereits bei irgendeinem Friseur saß, sein Vater noch eben irgendwas besorgen gegangen war und sich seine Mutter ihrer Föhnfrisur widmete, standen Juho und ich in seinem Kinderzimmer. Juho trug eine graue Anzughose, von der weiße Hosenträger baumelten, und ein schneeweißes Unterhemd. Am Schrank hing ein weißes Hemd unter einem grauen Frack.

„Ich glaube, es geht los.“ sagte Juho.

„Ich glaube auch.“ sagte ich.

„Wie sehen meine Haare aus?“

„Hervorragend.“

„Dann lass uns mal eben einen Bräutigam aus mir machen.“

Und damit ging es dann tatsächlich los. Ich tüddelte Juhos Manschettenknöpfe fest, entwirrte die Hosenträger, befestigte die Krawatte Ordnungsgemäß, strich ein paar Flusen vom Hemdrücken und steckte die Blumen an seine Jacke. Zu guter letzt zog ich die weißen Hemdärmel unter seinem grauen Frack hervor, und trat einen Schritt zurück, um unser Werk zu begutachten. Juho blickte an sich selbst herab.

Stille.

„Ich glaube, ich bin soweit.“

Und als er das sagte konnte ich nicht anders, als zu weinen. Ich weiß nicht, was es war, aber als mein lieber Freund Juho da so stand und ein echter Bräutigam war, war ich so bewegt und so glücklich, dass ich nicht mehr so recht wusste wohin mit meinen Emotionen, weshalb sie sich selbst einen Weg bahnten, in diesem Fall drurch meine Tränendrüsen hindurch.

Ich nickte also nur und klopfte dem mittlerweile ebenso rotäugigen Juho zufrieden auf die Schulter. Ich hätte ihn ja umarmt, doch Make-Up versaut so gerne Hemdkragen, vor allem weiße.

„Wir sprechen uns, wenn du verheiratet bist.“

Sagte ich, und Juho verschwand durch die Wohnungstür.

Dann schmiss ich mich in die entsprechende Garderobe und kümmerte mich ein bisschen weiter um die aufgeregten Eltern. Kurze Stilberatung hier, kleiner Sicherheitsnadeleinsatz dort, und bald waren alle festgepinnt und aufgetakelt und auf dem Weg zur Kirche.

„Es ist gut, dass du da bist“

sagte Juhos Mama, die sonst nicht viel spricht, aber immer viel kocht und lächelt, weil sie mit ihrem Englisch nicht so ganz zufrieden ist, auf dem Weg zum Auto.

„Ich fühle mich besser. Und ich glaube, Juho auch. Irgendwie beruhigst du hier alle.“

Nun, was sollte ich da sagen. Ich habe bei Juhos Eltern ja gerne mal ein permanent latent schlechtes Gewissen, weil die sich wirklich ein Bein ausreißen würden, solange es nur allen Menschen um sie herum gut geht. Morgens um halb drei in Helsinki gestrandet, und Heikki muss am nächsten Tag arbeiten? Kein Problem, einfach anrufen! Essenswünsche? Das vegane Menü steht schon bereit! Manch einer erinnert sich vielleicht an das vegane Weihnachtsessen, welches hier im vergangenen November für mich veranstaltet worden war – na jedenfalls sind Heikki und Eeva-Liisa zwei der freundlichsten Personen, die ich kenne. Und wenn ich dann höre, dass ich vielleicht ein bisschen was davon zurückgeben kann, macht mich das einfach sehr, sehr glücklich.

Bei der Kirche angekommen traf ich auf einen riesigen Haufen Familie und Freunde. 102 Gäste, um genau zu sein, zu 2/3 bestehend aus Anverwandten des Brautpaares – es handelt sich hier offenbar um riesige, finnische Clans.

Und dann startete, was mich den ganzen Tag lang fasziinieren sollte: Wann immer ich als einzige Nicht-Finnin und Singlebesucherin etwas verloren in der Gegend herumstand dauerte es keine Minute, bis jemand neben mir stand und sich um mich kümmerte. Als ich also in der Kirche um mich sah um herauszufinden, wohin ich mich setzen sollte, winkte mir Chau zu, Juhos bester Freund aus chinesischem Elternhaus zu sich.

„Du kanns bei uns sitzen!“ sagte er, rückte ein Stück zur Seite, seine Freundin drückte mit ein Gesangbuch in die Hand, in dem er mir sofort die zwei geplanten Lieder zeigte.

Die Kirche füllte sich langsam. Vor allem kamen immer größere Verwandtschaftsgruppen an, weshalb Chau nebst Freundin und ich uns dazu entschieden, doch noch etwas weiter in den hinteren Teil der Kirche zu rücken. Da lief Heikki an mit vorbei.

„Klara. Du musst nicht nach hinten gehen, du bist doch Familie, nicht Freunde!“

Da hätte ich auf einen Schlag wieder heulen können, riss mich aber zusammen, lehnte dankend ab und blieb bei Chau.

Irgendwann war die Kirche voll und die Vorfreude groß, da schritten Juho und alle Trauzeugen ein. Juho sah aus, wie ich ihn verabschiedet hatte, die Trauzeugen trugen allesamt graue Anzüge über weißen Hemden und Krawatten in der Farbe der Nelken, die ich am Vortag so sorgsam in das Landhaus getragen hatte. Und dann standen sie da und warteten. In der Kirche herrschte Totenstille. Die Anspannung war greifbar, keiner sagte ein Wort. Neben mir hielt Chaus Freundin ihre Handykamera auf das Geschehen, sie streamte das ganze live und hatte mich vor einigen Minuten darüber aufgeklärt, dass gerade 14.000 Menschen aus alles Welt zusahen. 14.000!!! Na jedenfalls fing auch die Kamera diese spannende Stille ein.

Dann ging es los. Die Organistin spielte den Pachelbel-Kanon. Saala führte den Reigen aus Brautjungfern an, die andächtig vor den Altar schritten, allesamt in altrosa Kleidern. Und dann kam die Braut.

Ich heule schon wieder. Und dabei schreib ich hier nur!! Am Arm ihres Vaters konnte Johanna ihre Tränen auch nicht mehr zurückhalten. Sie war wunder, wunderschön, trug ein wundervolles Hochzeitskleid, die Haare hochgesteckt, einen Schleier, einen Brautstraus – und das glücklichste, weinende Lächeln im Gesicht, das ich in meinem Leben jemals gesehen habe. Johanna lachte und weinte. Juho lachte und weinte. Und ich weinte. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern so richtig, war damit aber nicht allein. Dieser Moment ist ja ein sehr entscheidender auf jeder Hochzeit. Der Einzug der Braut kann auch voll in die Hose gehen, in einem Lachkrampf enden, mit einem Stolperer, oder im schlimmsten Falle nichts als wohlgemeinte Gleichgültigkeit auslösen. Dieser Einzug aber war genau so, wie man ihn gerne haben möchte. Zutiefst berührend. Weil Juho und Johanna sich einfach so richtig lieben, und das alle Anwesenden in diesem Moment mit jeder Faser gespürt haben.

Okay. Genug. Schon wieder schniefe ich hier vor meiner Tastatur vor mich hin, das ist ja kaum noch zu ertragen.

Von der Zeremonie verstand ich natürlich nichts. Doch der Pastor war ein alter Freund von Juho, mit Manbun (Männerdutt) und breitem Grinsen im Gesicht und sorgte mit seiner Rede für den ein oder anderen Lacher. Dann sagte Juho irgendwas zustimmendes, dann Johanna, dann wurden die Ringe getauscht und schließlich gab es einen Kuss. Diese Prozedur kam mir dann doch sehr bekannt vor und ich schloss, dass die beiden jetzt wohl verheiratet sein müssten.

Die finnischen Kirhchenlieder sang ich übrigens tapfer mit. Auch, wenn ich nur wenig verstehe, so weiß ich doch wenigstens, wie man das ganze liest und ausspricht. Und die Melodien waren jetzt nicht allzu kompliziert. Außerdem habe ich ein solides Vater unser auf deutsch gebetet, parallel zur finischen Version, für den internationalen Touch.

Vor der Kirche wurde Spalier gestanden, gejubelt, geklatscht, gelacht. Da waren die beiden, wunderschön und glücklich, und vor allem verheiratet. In Zukunft fahre ich also zu Juho und seiner Frau (!) Johanna. Verrückt. Ich glaube, das muss dieses erwachsen werden sein, von dem immer alle reden.

Dann wurde in den Autos platzgenommen und zum Landhaus gefahren, wo die Gesellschaft draußen wartete, während der Fotograf das frisch vermählte Pärchen ablichtete. Der Weg zu den Tischen führte letztendlich an Juho und Johannas Eltern sowie den beiden selbst vorbei, ich gratulierte allen herzlich (Johannas Mama ist immer sehr glücklich, dass sie in mir jemanden gefunden hat, bei dem sie ihre Deutschkenntnisse anbringen kann) und fiel dann Juho und der immer noch schluchzend weinenden Johanna in die Arme. Wir konnten uns gar nicht mehr so recht voneinander lösen., mussten aber, denn Chau wollte auch noch gratulieren.

Drinnen legte ich ordnungsgemäß mein Geschenk ab (Wir hatten uns aufgrund meiner Anreisekosten auf eine Kleinigkeit geeinigt, es gab also eine liebe Karte, der Beiden Lieblingsfoto von uns im Rahmen und eine Flasche in Berlin gebrannten Wodkas) und fand meinen Platz. Ich saß in unmittelbarer Nähe zum Brauttisch an der Stirnseite (nicht nebenan am Freundestisch, denn, man erinnere sich: Familie und so weiter), im besten Sinne des Wortes eingekesselt zwischen Juhos Eltern, Saala, Johannas Brunder Mikko und zwei von Juhos Cousinen, eine von ihnen, Meeri, zufällig Englischlehrerin und daher willens, beinahe jedes geschriebene und gesprochene Wort für mich zu übersetzen. Zufall? Ich denke nicht.

Es wurde Sekt verteilt (unalkoholisch für mich), dann redeten Saala und Toni (Brautjungfer und Trauzeuge) eine Rede, wir stießen an, dann gab es Mittag. Die Organisation sah folgendermaßen aus: Programm gab es von 15 bis 18:30 Uhr. Immer eine halbe Stunde reden/singen/spielen/essen/action und dann 15-20 Minuten Pause. Sehr angenehm.

Das Mittag war komplett vegan bis auf zwei Bleche finnischen Räucherlachsˋ. Denn die Braut isst ja ebenfalls vegan (noch ein Grund mehr, Johanna zu mögen!), was die Sache für mich natürlich sehr vereinfachte. Ich unterhielt mich beim essen heiter mit Meeri und ihrem verlobten Eerik, der nun zufällig Strategieberater bei der KPMG ist, genau das, worauf man in meinem Masterstudiengang so hinstudiert. Sehr nette Menschen alle beide. Sehr interessante Gespräche. Und keiner hatte ein Problem damit, alles auf Englisch abzuhandeln, während ich zuhörte.

Es folgten so einige Programmpunkte. Johannas Vater, ein eher stiller und grumpig wirkender kleiner Mann, hielt eine Rede, bei der ich schon wieder weinen musste, obwohl ich kein Wort verstand, weil alle weinten, und dann muss man eben mitmachen. Johanna sang mit Klavierbegleitung von Saala überraschend ein Liebeslieb für Juho, ebenfalls auf Finnisch, daher ebenfalls unverständlich für mich, und TROTZDEM MUSSTE ICH WEINEN, weil Juho so ergriffen war.

Juhos Vater hielt eine ernste aber bewegende Rede. Die gesamte Truppe aus allen Brautjungfern und Trauzeugen performte zu einem Song, den sie selbst zu diesem zwecke geschrieben hatten, sorgten damit für Lacher und tobenden Applaus. Wir spielten auf der Wiese vor dem Haus „Wer war es?“, ein Spiel bei dem erraten werden musste, ob die vorgetragene, zumeist peinliche Anekdote auf das Konto der Braut oder des Bräutigams geht. Johannas Bruder übersetzte alles, und ich lag in 70% der Fälle richtig. Immerhin.

Für den Hochzeitstanz sang Johannas beste Freundin „Perfect“ von Ed Sheeran und konnte sich selbst vor lauter Bewegtheit kaum noch zusammenreißen, während die gesamte Hochzeitsgesellschaft schon lange wieder in Freudentränen versunken war.

Das Hochzeitspaar schnitt die (vegane) Hochzeitstorte an, Schokolade-Heidelbeere, und ich freute mich über Hafermilch für den Kaffee.

Juhos lauter, wahnsinnig witziger, schwuler Freund hielt eine zehn Minuten lange Rede, bei der sich alle vor Lachen gekrümmt die Bäuche hielten. Und dann kam ich.

Ich eröffnete erstmal mit der Bitte, dass ich das nächste Mal doch vielleicht vor der absolut witzigsten Rede des Abends auftreten dürfte, damit ich überhaupt konkurrenzfähig wäre. Dann sprach ich davon, dass mir vor meinem Umzug nach Finnland die liebe Jana von der Deutsch-Finnischen esellschaft gesagt hatte, dass ich nicht erwarten solle, in Finnland finnische Freunde zu finden, aber dass ich, sollte es mir doch gelingen, garantiert einen wunderbaren Freund für mindestens die nächsten dreißig Jahre sicher hätte. Ich erzählte, wie ich Juho in der Uni kennengelernt hatte, wie er mich irgendwann in seine und Johannas Wohnung einlud, wie wir drei das erste tolle Wochenende miteinander verbrachten und wie sich daraus eine Freundschaft entwickelte, die seit mittlerweile drei Jahren aus regelmäßigen, gegenseitigen Besuchen und einem zweistündigen Videotelefonat in jeder zweiten Woche besteht.

Dann brach ein Unwetter über uns herein, das sich gewaschen hatte. Es donnerte, und mit einem Schlag kam draußen ein Monunregen nieder, den ich zuletzt so in Kambodsch- ach nein. In Berlin erlebt hatte.

Während alle hektisch die Fenster schlossen scherzte ich da an meinem Mikrofon, dass ich das natürlich geplant und so bestellt hatte, um die Dramatik unserer tollen Freundschaft zu unterstreichen. Kurzer Lacher, weiter gings.

Ich sprach davon, wie sehr ich mich in Finnland willkommen fühlte. Wie ich immer das Gefühl habe, dass hier jemand auf mich wartet. Wie ich jedes Mal am Flughafen abgeholt, wundervoll verköstigt, beherbergt und akzeptiert werde, und wie viel es mit bedeutet, ein Teil von Juhos und Johannas Leben zu sein. Dass jedee Einzelperson ein Freund sein kann, dass es aber ein Team braucht um ein zu Hause für jemanden zu schaffen, und dass die beiden genau das für mich gemacht haben: In Finnland ein zweites Zuhause für mich gebaut.

Dann fiel der Strom aus. Kein Mikrofon, kein Licht. Lautes wundern. Es blitzte, alles wurde taghell, es donnerte kurz darauf. Der Sturm rüttelte an den hölzernen Fensterrahmen, mit einem Mal war es stockduster geworden. Das einzige Licht im Raum kam von den Kerzen auf dem Tisch, und von Saalas Handylicht, welches sie jetzt Suchscheinwerferartig auf mich gerichtet hielt.

„UND WENN ES TEAM JUHO UND JOHANNA SCHON GELUNGEN IST“ rief ich in den dunklen Raum hinein, ohne noch zu sehen, an wen das Ganze eigentlich adressiert war „FÜR IRGENDEINE KLEINE, DEUTSCHE AUSTAUSCHSTUDENTIN, DIE JUHO ZUFÄLLIG IN EINEM UNIKURS KENNENGELERNT HAT, EIN ZWEITES ZUHAUSE IN FINNLAND ZU BAUEN, DANN BIN ICH MEHR ALS GESPANNT DARAUF ZU SEHEN, WAS FÜR WUNDER TEAM JUHO&JOHANNA IM GEMEINSAMEN LEBEN NOCH SO VOLLBRINGEN WIRD – UND FREUE MICH DARAUF, WEITERHIN EIN KLEINER TEIL DES GANZEN ZU SEIN, UND ZWAR HOFFENTLICH FÜR MINDESTENS DIE NÄCHSTEN DREISSIG JAHRE!!“

Dann war ich fertig. Es klatschte, drinnen den obligatorischen Beifall, draußen der Regen an die Fenster. Im Dunkeln stolperte ich zurück an meinen Platz und ließ mich wieder auf meinen Stuhl fallen, da streckte Johanna ihre Hand nach mir aus und drückte meine Hand ganz fest. Ich konnte sie nicht sehen, aber ich glaube, das hieß „Ist schon in Ordnung, wir machen das gerne.“ Zumindest hat es sich so angefühlt, und darauf kommt es ja an.

Damit war das Programm beschlossen und der Rest des Abends eröffnet. Ein Teil der Gäste, vor allem der, in den kleine Kinder mit einbegriffen waren, verabschiedete sich, und der Rest verteilte sich gleichmäßig auf die für nordeuropa so typische, überdachte Holzveranda, den durchnässten Rasen, die Zelte auf dem Rasen und die innen liegenden Räumlichkeiten. Es regnete nicht mehr, Strom war noch immer keiner da, doch überall flackerten Kerzen im Dämmerlicht. Und die Leute waren gezwungen, sich zu unterhalten. Für Musik sorgten unterdessen keine elektronischen Boxen, sondern die Trauzeugen mit Cajón, Gitarre, Gesang und Rassel, weshalb ich bis jetzt noch fest davon überzeugt bin, dass der temporäre Stromausfall ein echter Glücksfall war.

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Von da an hatte ich einen wunderbaren Abend. Ich trag nahtlos auf einen interessanten, netten, zuvorkommenden Menschen nach dem anderen. Da waren die bereits erwähnte Meeri und Eerik. Dann Heikki (Nummer zwei, Namen doppeln sich hier oft), verheiratet, zwei Kinder, einer von Juhos Trauzeugen und Krankenpfleger für Suchtkranke mit genug Höflichkeit und Manieren für drei. Oder Johanna (Nummer zwei), Juhos Cousine und Lehrerin, die gerne entweder für Schulprojekte nach Afrika fliegt oder während der Schulferien im schottischen National Trust Gärten pflegt. Marco, einer meiner alten Kommilitonen, der zufällig ebenfalls im vergangenen Jahr vier Monate lang durch Südostasien gepackpackt war und einige Reisetipps zum Iran im Gepäck hatte (denn da kam sein Vater her). Da war der Freund einer Trauzeugin (ohne Namen), der unermüdlich seine beachtlichen Deutschkenntnisse an mir ausprobierte und darüber sprach, dass er die Musik con Cro so sehr möge (ich habe bei der Gelegenheit gleich mal Kraftklub empfohlen). Oder Juhani, ebenfalls ein Kommilitone, mit seiner Freundin Nea, die extra für die Hochzeit aus Malta angereist und beide irgendwie glücklich waren, mich zu sehen. Das manifestierte sich bei Juhani dadurch, dass er in stark alkoholisiertem Zustand Komplimente machte, von denen Nea lieber niemals was erfahren sollte. Und als Nea mit mir draußen herumstand und in beinahe unangenehmem Maße mein Kleid komplementierte, kam Tiina dazu (Freundin von Juho), und folgende Konversation fand statt:

„Tiina! Das hier ist Klara!“

„Klara?! Etwa DIE Klara?!“

„Ja, genau!! GENAU DIE Klara!“

„OH MEIN GOTT! DU BIST KLARA!“

Und die beiden herzten und umarmten mich und kriegten sich kaum wieder ein. „Wir wissen alles über dich!“ Und ich wusste wenig bis gar nichts über sie. Trotzdem entsponn sich ein tolles Gespräch über ihr Leben, mein Leben und all das, was wir mit Bräutigam und Braut schon so erlebt hatten.

So ging es mir noch mehrmals an diesem Abend. „Ich habe schon so viel von dir gehört!“ war nicht selten der Beginn einer Begegnung mit einem weiteren, lieben Menschen der sich darüber freute, dass ich extra aus Deutschland für das sonst als so kalt und grau verschirene Finnland gereist war. Ich sprach über Berlin, über die Deutsche Sprache, über mein Auslandssemester, meine erste Begegnung mit Juho und Johanna, mein Studium in Helsinki.

Je später der Abend wurde, desto aufgeschlossener wurden die Finnen. Diese Faustregel war an jenem Abend noch so wahr wie in meinem ersten Semester damals an der Haaga-Helia. Bald tanzten wir (es gab mittlerweile wieder Strom) barfuß zu Blink-182 und finnischen Rockbands, drehten uns, damit die Röcke flogen, und kühlten auf der mit Lichterketten behangenen Terasse bei witzigen Teeniegeschichten und großen Bechern Leitungswasser oder Cider ab.

Irgendwann lag Salla mit in den Armen, leicht alkoholisiert. „Ich bin so froh“ sagte sie „so froh, dass du jetzt meine Schwester bist!“ und drückte mir noch einen Kuss auf die Wange. Die Braut beteuerte in reelmäßigen Abständen, wie sehr sie mich liebte, doch diese Ehre wurde jedem der noch verbliebenen Gäste zuteil, denn auch die Braut hatte ein wenig tiefer in die Wodkaflasche geschaut. Ich hinterfragte das Ganze nicht, sondern freute mich einfach ob der herzlichen Atmosphäre.

Um drei Uhr machten wir uns auf den Weg. Juho hatte eine Kommilitonen als Fahrerin angestellt, und hatte nun alle Mühe, seine, sagen wir, recht emotionale Gemahlin in ihrem mittlerweile etwas dreckigen Brautkleid und mit zerzausten Haaren auf die Rücksitzbank seines Autos zu verfrachten. Schluchtzend wiederholte diese mehrmals, dass dieser Abend niemals enden sollte. Doch es war soweit, der Aufrechte Gang war gefährdet und nur noch 20% der Gäste waren am Ort des Geschehens verblieben, man musste los. Juho saß hinten neben der vor Glück und Rührung weinenden-lechenden-weinenden-lachenden-weinenden Johanna und ich vorne neben der netten Fahrerin, die mich vor der Haustür von Juhos Eltern absetzte. Ich hatte einen sSchlüssel, und Juho und Johanna sollten die nacht in der President Suite des Hilton in Helsinki verbringen – mit Frühstück am Bett, versteht sich.

„Kommt ihr zurecht?“

„Ich denke doch.“

Juho hatte Johanna im Arm, die noch immer weinte, jetzt aber ruhiger war.

„Dann wünsche ich euch eine gute Nacht – wir sehen uns morgen, Herr und Frau Johanna.“

„Ich liebe dich, danke für alles!“ sprach Johanna und sah mich mit verquollenen Augen an.

„Danke gleichfalls.“ sagte ich, und stieg aus.

An diesem Abend schlief ich schnell und glücklich ein. Es war einer dieser Tage gewesen, die nicht häufig vorkommen, und die besonders sind, die man ewig in Erinnerung behält, da war – und bin – ich mir sicher.

1 Kommentar

  1. Hallo Klara,
    da muss man beim Lesen mitweinen, einfach schön. Ich verstehe vollkommen wie es dir geht. Bei meinen Freunden ist es ähnlich, dort gehöre ich auch irgendwie zur Familie dazu.
    Auf noch mindestens 30 weitere Jahre 😉
    Jana

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