Negev: Der Geburtstag, der keiner war.

Gestern bin ich 23 geworden. Ja, richtig. Dreiundzwanzig. Das mag sich für einige jetzt herzlich jung anhören, vermutlich sogar, und ich bin mir der Tatsache durchaus bewusst, dass 23 jetzt nicht gerade ein gebrechliches Alter ist. Nichts desto trotz kam ich mit elendig alt vor. Warum, erkläre ich euch gerne.

Ganz alte Bloghasen erinnern sich vielleicht noch an einen Bericht, den ich damals aus St. Petersburg schrieb: An meinem 20. Geburtstag hatte ich in einer Limousine in der Petersburger innenstadt mit zu viel Sekt reingefeiert und war beinahe von russischen Polizisten in Gewahrsam genommen worden, weil ich mich versehentlich im Gebüsch vor einer orthodoxen Kathedrale erleichtern wollte. Das war also gestern genau drei Jahre her, und jetzt, im Jahre 2017, stand wieder ein Trip mit einer Horde Austaushstudenten an.

Dieses Mal halndelte es sich um den Orientierungstrip der Raphael Recanati International School meiner Universität, die alle 550 Erstsemester – egal ob international oder israelisch – in 10 Reisebussen einen Tag lang durch’s Land chauffierte. Man bedenke dabei, dass Israel ziemlich genau so groß ist wie Sachsen-Anhalt, was die Erkundung des Landes zu einer nicht allzu langwierigen Aufgabe macht. Also gut. Los geht’s.

Um 5:30 Uhr klingelte mein Wecker. Wir wurden gebeten, um 07:30 Uhr an der Uni bereitzustehen, und ich habe ja bekanntlich morgens gerne Zeit, um mich geistig auf den vor mir liegenden Tag vorbereiten zu können. Leider wurde dieser Morgen von zwei Problemen überschattet: 1. War es mein Geburtstagsmorgen, doch irgendwie fühlte es sich kein bisschen so an, weil hier einfach niemand war, der es wusste und so daran hätte denken können. Das ist eben einer der wenigen Nachteile eines nicht vorhandenen Facebook-Accounts. Und 2. wusste ich, dass die Reisebusse keine Toilette haben würden, was es mir mit meiner Dackelblase quasi unmöglich machte, wie an jedem anderen Morgen einen Liter Wasser zu stürzen und das Ganze dann mit zwei Tassen Kaffee abzurunden. Ich trank also stattdessen ein Gläschen Wasser und hoffte, dass meine Zunge nicht gänzlich verschrumpelt an meinem Gaumen kleben würde, bevor wir unser Ziel erreichen sollten.

Nach kurzem Fußmarsch zum Campus und zwei Taschenkontrollen (daran gewöhnt man sich hier, die werden am Eingang zu jedem Shoppingcenter/Bahnhof/Universitätsgebäude/Museum fällig) stand ich schließlich in einer Horde von Studenten mit Hüten und tiefen Augenringen. Einige hatten einen Coffee-to-Go-Becher in der Hand, was mich unweigerlich mit einem nagenden Neidgefühl erfüllte. Doch es half nichts, mit einer Blasenschwäche ist nicht zu spaßen, erst recht nicht auf langen Busreisen durch eine Wüste, die im allgemeinen keine Möglichkeit bietet, um mal eben hinter einem Busch zu verschwinden.

Bald fand ich Rusne, eine Litauerin, die ich schon am Orientierungstag besonders sympathisch gefunden hatte. Sie schien einer von diesen Menschen zu sein, die sich absolut und überhaupt gar nicht darum scheren, was andere Leute von ihnen denken, und solche Personen sind in den allermeisten Fällen ziemlich gute Gesellschaft. Da weiß man nämlich, woran man ist.

Nach einigem Suchen fanden wir zwei den uns zugedachten Bus (die Nummer 9, nicht, dass das wichtig wäre, ich schreib’s trotzdem mal lieber auf) und ließen uns auf unseren Sitzen nieder. um 08:15 ging es dann schließlich los. Erster Halt: Der Ben Shemen Wald, in dem „Outdooraktivitäten“ auf uns warteten. Jetzt fragt ihr euch zu Recht: „Wald? Warum denn Wald? Sollte das nicht ein Ausflug in die Wüste werden?“ Ja, ganz richtig. Dieser „Wald“ lag auch nur etwa 20 Autominuten von unserem Ausgangpunkt entfernt, die längere Strecke erwartete uns im Anschluss daran. Außerdem war der Wald nicht wirklich das, was ich als alter deutscher Hase mir unter „Wald“ vorstelle. Es war mehr so ein: „Da sind auf totem, sandigem Boden ein paar Nadelholzgewächse in die Höhe geschossen und haben acht Meter über dem Boden dann auch mal vereinzelt ein paar braun-grüne Nadeln bekommen – Unterholz? Was ist Unterholz?“. Ein kürzeres Wort ist mir leider auf die Schnelle nicht eingefallen.

Wir stiegen also aus dem Bus und uns blies ein Wind entgegen. In anderen Texten stünde jetzt vermutlich „und uns blies ein kühler Wind entgegen“ oder „und uns blies ein eisiger Wind entgegen“ oder „und uns blies ein angenehmer Wind entgegen“, doch nichts dergleichen war der Fall. In unserem deutschen Hirn hat Wind ja irgendwie immer kühlende Eigenschaften, hier am Rande der israelischen Wüste hätte ich mir eher weniger Wind gewünscht. Denn er war heiß. Nicht nur warm, sondern heiß. Heißer, heißer Wind. Und der kühlt nicht. Der ist auch nicht angenehm. Wenn euch im Sommer zu warm wird sagt ihr ja auch nicht: „Hach, schon wieder 30 Grad heute, ich gehe mich mal lieber schnell föhnen.“

Ich Sensibelchen stand also inmitten eines kargen „Waldes“, bei 34 Grad Celsius, wo mir föhniger Wind Sand in die Augen und trockene Nadeln in die Haare pustete, umringt von 549 Erstsemesterstudenten, 75% davon jünger als ich. Hier hatten die Eventorganisatoren 15 Stationen aufgebaut, die aussahen, als seien Sie direkt aus einem Handbuch namens: „Teambuilding 101 – Wie aus Fremden Kollegen werden“ kopiert worden. Unsere Beschäftigung für die nächsten drei Stunden: Teams werden. Also los.

Mein Team bestand aus ca. 25 Austauschstudenten und dem Teamleiter von der Uni, Ben Rosenblaum (fragt micht nicht, woher dieses „L“ im Nachnamen kommt), einem französischen Israeli und hoch motiviertem Entertainer. Bei mir kündigte sich langsam das an, was ich schon den ganzen Morgen über befürchtet hatte: Der Koffeeinentzug-Kopfschmerz. Nur schlecht von einer ausgewachsenen Migräne zu unterscheiden, ist der gemeine Koffeeinentzug-Kopfschmerz ein fieser, pulsierender Schmerz, der sich von der Region zwischen den Augen langsam auf die linke Hälfte des Kopfes ausbreitet und sich nur durch Ibuprofen oder reichlich Kaffeezufuhr wieder in den Griff bekommen lässt. Was soll ich sagen: Andere rauchen, ich brauch halt Kaffee. Traurig, peinlich, aber wahr.

„Leute!“

Es ging los. Ben war beängstigend gut drauf.

„Spiel Nummer eins! Das geht so!“

Mit diesen Worten startete eine dreistündige Tour durch den sandigen Wald, gefüllt mit einigen Runden Tauziehen, Skilaufen in Vierergruppen, einer analogen Version von Minesweeper und vielen anderen Teamübungen, die in staubigen Schuhen, dreckigen Gesichtern und breiten Grinsen endeten. Ich tat mein Bestes, mitzumachen, auch, wenn die Kombination aus fehlendem Kaffee und Sonne von oben sich nicht gerade positiv auf meinen Gemütszustand auswirkte. Außerdem stellte ich fest, dass das alles irgendwie gar nicht so mein Ding war.

Das klingt jetzt so antisozial, wie ich das sage. Meine ich gar nicht so! Nur habe ich das oder sowas in der Art schon so oft im Leben gemacht, habe schon so oft Kennenlernspiele gespielt und mich in neuen Ländern und neuen Gruppen zurechtfinden müssen, dass mich das alles jetzt nicht mehr so richtig vom Hocker warf. Lieber hätte ich in einem kleinen Café in Tel Aviv mit drei netten Menschen einen Sojacappchino nach dem anderen geschlürft und mich dabei auf die kommenden Vorlesungen vorbereitet. Langweilig? Weiß ich nicht. Es gab ja eine Zeit, in der ich diese Gruppenaktivitäten spannend und aufregend und toll fand, aber die liegt eben in der Vergangenheit, und gestern hatte ich das Gefühl, plötzlich irgendwie fehl am Platz zu sein. Das zusammen mit Kopfschmerz und Geburtstag bereitete mit ein wenig Unwohlsein.

Nach drei Stunden gab es Mittag. Für alle war Pizza vorbereitet worden, die vegane Version war gebackenes Pitabrot mit Öl. Über den Nährwert dieses Essens kann man sich jetzt streiten, deshalb hatte die Langweilerin aus Deutschland lieber vorgesorgt, und packe, als um sie herum alle ihre Pizza aßen, in aller Seelenruhe ihre Tupperdose mit Kartoffeln und selbstgemachter Gemüsepfanne aus. Hatte ich am Vorabend vorbereitet und im Kühlschrank aufbewahrt, wie eine echte Erwachsene. War ich auch ein bisschen stolz drauf.

Als 550 Studenten gesättigt waren, bildete sich plötzlich eine beängstigend lange Schlange vor dem Toilettenhäuschen. Es gab drei Toiletten: Eine für Frauen, zwei für Männer, und außerdem zwei Urinale. Und 550 Studenten, die gerade 3h lang in der israelischen Hitze herumgehampelt waren, und die jetzt eine zweistündige Busfahrt erwartete. Halleluja.

Bald hatten die Frauen auch die Männertoiletten okkupiert und ließen den Herren der Schöpfung nur noch die Urinale. Das fanden die Männer nicht so schön, vor allem, weil sie sich jetzt neben einer langen Schlange aus jungen Studentinnen stehend erleichtern mussten, doch auf dererlei Befindlichkeiten konnte leider keine Rücksicht genommen werden. Es war bitterer Ernst. Und so fand auch ich mich bald in der Herrentoilette wieder, mich fragend, ob dieser mich jetzt komplett vereinnahmende Kopfschmerz tatsächlich den verhinderten Harndrang wert gewesen war.

Eine Stunde nach der Pipipause aus der Hölle saßen alle wieder in ihren Bussen und es konnte weitergehen. Next Stop: Sde Boker Friedhof, zum Grab von David Ben-Gurion.

Zehn Minuten nach Abfahrt pennte der gesamte Bus. Ausnahmslos. Da wurde geschnarcht und von den Sitzen gekippt, gesabbert, sich in Kapuzen versteckt, alles, was dazugehörte. Was für mich eine Bestätigung dafür war, dass ich nicht die einzige gewesen sein konnte, die dieses Klima ziemlich mitgenommen hatte. Das Bewegen in einer großen Menschenmenge nicht zu vergessen. Ich funktioniere eher so in Grüppchen von einer bis maximal fünf Personen, alles andere ist Arbeit.

Als der Bus auf einen Parkplatz fuhr und wir alle wieder aufwachten, waren wir bereits mitten in der Wüste. Wer will, kann ja mal Google Maps aufrufen und gucken, wo Ben-Gurion begraben liegt. Das ist ziemlich weit im Süden, und damit mittendrin in der Wüste Negev. Die übrigens 60% der israelischen Landmasse ausmacht. Da bleibt nicht mehr viel Platz zum Wohnen übrig.

Die Landschaft war mal wider atemberaubend großartig. Leider fürchtete ich mittlerweile, dass mein Köpfchen bald explodieren würde. Tief in meinem Rucksack vergraben fand ich eine Ibuprofen, warf sie ein, hoffte das Beste. Stellte mich in die unendliche Schlange vor den Toiletten, folgte dann meiner Gruppe in den Park, denn Sde Boker ist eine Oase, und eine schöne noch dazu.

Bald saßen alle 550 Studenten in ihren Teams von zuvor aus der Wiese und bekamen etwas über David Ben-Gurion und der Gründung Israels erzählt. Kurze Zusammenfassung: Ben-Gurion rief 1948 den modernen Staat Israel aus und war außerdem der erste Ministerpräsident. Er ist also quasi die Symbolfigur des Zionsmus, und liegt eben in Sde Boker begraben, neben seiner Frau.

Nachdem wir uns alle Fakten angehört hatten durften wir noch ein Quiz dazu beantworten, gespickt mit allerlei Aktivitäten, von Kopfstand (David Ben-Gurion war offenbar großer Yoga-Fan) über das Formen einer menschlichen Pyramide oder eines ebenfalls menschlichen Davidsterns. Dann erst ging es weiter zum Grab. Das war, wie ein Grab eben so ist: Eine große Steinplatte mit einem Namen drauf. Viel großartiger fand ich hingegn die Aussicht, die man vom Grab aus hatte. Da dachte ich kurz, ich sei auf dem Mars gelandet.

Was mir außerdem dort zum ersten Mal auffiel, war, dass wir Security dabei hatten. Zehn Mann, mit Schusswaffen. Für uns. Sowas war mir vorher auch noch nie passiert, deshalb wusste ich nicht so recht, ob ich mich jetzt gut beschützt oder dauerhaft bedroht fühlen sollte.

Außer uns 550 Studenten liefen am Grab außerdem noch erstaunlich viele Soldaten herum. Hier muss ja jeder, egal ob Männlein oder Weiblein, nach der Schule drei Jahre zum Militär, und so kommt es schon Mal vor, dass einem an einer nationalen Sehenswürdigkeit wie dieser zehn perfekt geschminkte, achtzehnjährige Mädels in olivgrünem Overall und mit Maschinengewehr entgegenkommen. Bizarre Szenen in meinen Augen, Alltag im gelobten Land.

Nachdem das berühmte 550 Mann-Selfie geschossen worden war, wurden wir alle wieder in unsere Busse verfrachtet und es ging weiter zur letzten Station: Zu den Beduinen. Jetzt könnte man darüber streiten, wie originalgetreu so eine Beduinen-Experience ist, wenn man mit einer solch riesigen Studentengruppe und einer Liveband dort aufschlägt, aber cool war es trotzdem. Es gab Obst, frittierte Bohnen, Erbsen und Maiskörner zum Knabbern, türkischen Kaffee, schwarzen Tee und einen Militärhumschrauber, der zuverlässig über uns seine Kreise zog. Zur Sicherheit, versteht sich.

Als ich mit Rusne auf einer hüfthohen Steinmauer saß und das bunte Treiben beobachtete, ging langsam die Sonne unter. Rund um das Gelände gab es nichts außer Stein und Sand, die nächste asphaltierte Straße war etwa zwanzig Minuten Fahrt von hier entfernt, und über uns erschien langsam ein wunderbarer Sternenhimmel. Jetzt waren es noch 25 Grad, die perfekte Temperatur, um draußen zu sitzen, sich zu unterhalten, frittierte Erbsen wezuknuspern und sich in regelmäßien Abständen zu denken: „Verdammte Kacke, ich bin in Israel.“

Irgendwann rief irgendwer in irgendein Mikrofon, dass es jetzt Essen gäbe. Ich hatte mich zwar gerade an gefühlt einem halben Kilo frittierter Hülsenfrüchte gütlich getan, war aber einem Beduninendinner trotzdem nicht abgeneigt. Bald versammelten sich alle in kleinen Kreisen auf bunten Teppichen sitzend im Beduinenzelt. In der Mitte eines jeden Sitzkreises stellten unsere Gatgeber dann große Metalltabletts ab, auf denen für jeden etwas dabei war: Reis, Kalbsfleisch, Folienkartoffeln, Tahini, Hummus, israelischer Salat, Oliven, eingelegte Gurken, und – ganz wichtig, da Grundnahrungsmittel – Pitabrot. Ich war zwar satt, aber Pitabrot mit Hummus finden eben immer noch eine Lücke. Außerdem ändert sich alles, wenn man beim Essen halb liegt. Da passt dann irgendwie mehr rein.

Als wir alle pappsatt waren und dachten, jetzt ginge nichts mehr, fand Rusne auf dem Weg zum Klo vor dem Zelt riesige Platten voller Baklava. Freunde, wenn ihr noch nie Baklava gegessen habt, dann sucht bitte sofort die nächstgelegene türkische Bäckerei auf und kauft welches. Egal welches. Es ist fettig und trieft vor Zuckersirup, ist damit leider auch das deliziöseste Dessert, welches man auf diesem Planeten aktuell erwerben kann. Das war Rusnes und mein Untergang. Der totalen Überfütterung stand nun nichts mehr im Wege.

Mit vollen Bäuchen machte sich der größte Teil der Partygesellschaft dann daran, vor der Bühne stehend wild zu tanzen und zu feiern, da war es gerade 19:00 Uhr. Rusne und ich versuchten unser Glück, stellten nach 5 Minuten fest, dass uns nicht so nach Tanzen war, und verabschiedeten uns wieder von der wüstenstaubigen Tanzfläche.

Auf dem Weg zur Toilette dann verloren wir uns irgendwie, weshalb ich bald alleine durch die wilde Studentenmeute streifte. Und ich muss sagen, dass ich mich selten in meinem Leben so fehl am Platz gefühlt habe. Ich sah den Leuten zu, wie sie tanzten und schrien, laut zur Musik, nicht redend, nur tanzend, tanzend, tanzend. Oder wie sie in den Zelten saßen und auf ihre Handys sahen, das war die Alternativbeschäftigung. Alles, was ich da denken konnte, war: „Ich bin zu alt für sowas.“ Das gleiche Gefühl hatte mich bereits davor im Wald beschlichen, doch jetzt erst wusste ich genau, was es war. Ich war zu alt für sowas. Gar nicht unbedingt physisch. Ich hatte das nur eben alles schon erlebt. Das, was diese Studenten da machten, das hatte mir riesigen Spaß gemacht, als ich ein Erstsemester war. Jetzt fühlte es sich für mich einfach falsch an. So sehr ich es liebte (und liebe!) Studentin zu sein: Das war es nicht, was ich liebte, zumindest jetzt nicht mehr. Was ich hier wollte, war richtig was zu lernen. Was neues. Was aufregendes. Mich mit Professoren über den Nahostkonflikt zu unterhalten. Den Zionismus und seine Schattenseiten zu verstehen. Die jüdische Kultur zu durchblicken. Hebräisch zu sprechen. Echte Menschen mit richtigen Geschichten zu treffen, und nicht in lauten Clubs mit den Studenten abzuhängen, die lieber nur Kurse für Sonntags und Montags gewählt hatten, um ein fünftägiges Wochenende zu haben. Das wurde mir in diesem Moment klar.

Deshalb setzte ich mich im Schneidersitz im Zelt auf einen Teppich und sah den Menschen zu. Wenn schon nicht mitmachen, dann zugucken und lernen. Denn das war es ja, was ich wollte.

(Da war keine Nebelmaschine im Spiel. Das ist Staub.)

Irgendwann fand Rusne mich und brachte mich hinter dem Zelt in eine verlassene Ecke, in der sie zusammen mit zwei Austauschstudenten und zwei Israelis gerade einen Joint genossen hatte. Das ist hier übrigens doch sehr präsent: Gestern abend gab es keinen Tropfen Alkohol, aber ab 19:30 Uhr roch das ganze Gelände sehr streng nach Gras. Wenn man mich fragt, ist mir das ja die sympathischere Droge, aber das ist Stoff für eine andere Diskussion. Ich jedenfalls nahm bis auf massenweise türkischen Kaffe nichts bewusstseinserweiterndes zu mir, freute mich aber der lustigen Gesellschaft, die mich in dieser verlassenen Ecke umgab.

Um 21:00 Uhr war Abfahrt angesagt. Rusne und ich waren mittlerweile fix und fertig und scheppten uns mit letzter Kraft zurück auf unsere Sitze im Bus, wo wir sofort nach Abfahrt einschliefen.

Im heimischen WG-Bett lag ich um 00:00 Uhr. Dieser Geburtstag hatte sich absolut nicht nach Geburtstag angefühlt. Ich war dreckig, in meinen Haaren hatte sich feiner Staub gesammelt. Schweißperlen hatten graue Spuren auf meinem Gesicht hinterlassen. Trockene Wüste, ihr könnt es euch nicht vorstellen. Kein Kuchen, keine Karte, kein Geschenk. Stattdessen Baklava, steinige Wüste und der Duft von brennendem Marihuana. Und das alles inmitten fremder Menschen, die mir nicht wichtig waren, und denen ich nicht wichtig war. Komisch, sehr komisch. Aber ein echtes Erlebnis.

An dieser Stelle übrigens nochmal ein riesiges Dankeschön an alle, die gestern an mich gedacht haben. Danke für die lieben Nachrichten auf WhatsApp, Instagram, Telegram und in meinem E-Mail Postfach, wenn ich noch nicht geantwortet habe, werde ich das in Kürze tun. Und danke auch, für die Veruche, anzurufen – leider ist in der Negev das Handynetz eher dünn. Jedenfalls: Danke. Es gibt sie ja, die Menschen, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin. Nur eben nicht hier.

Noch nicht.

3 Kommentare

  1. Inge sagt: Antworten

    Ja,liebe Klara, ein Geburtstag der besonderen Art ! Sicher unvergesslich.irgendwie ging es mit meinem im Pantanal / Brasilien irgendwie ähnlich. Keine 550 Studenten eher so viele Vögel. Wichtig War ich auch denen absolut nicht. Das Pärchen grosse blaue Aras, die ich für das Ständchen ausgesucht hatte, haben mich wegen Störung eher ausgeschimpft. Aber ich habe den Tag – der besonderen Art -sehr genossen. Und zu alt habe ich mich auch gefühlt…..

  2. E.Daberkow sagt: Antworten

    Das war mit Sicherheit ein toller Geburtstag wir sind wieder begeistert von deinen Berichten und sind froh hier in Jatznick zu sitzen. Jens ist heute mit seinen Mädchen für eine Woche nach Schweden gefahren u. informiert mich regelmäßig wie weit sie sind. Mach weiter so es grüßen dich ganz herzlich deine Jatznicker!

  3. Annelene und Ernst v.Schönfeldt sagt: Antworten

    Herzliche Glück- und Segenswünsche für das „restliche“ Lebensjahr. Wir haben etwas verspätet an diesem einmaligen (!) Geburtstag teilgenommen, gestaunt und vor allen Dingen im mitgegessen.

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