Herzliya: Ein Teil auf ewig in Israel

Freunde. Während ich das hier tippe, sitze ich bei einer heißen Tasse Kaffee mit Sojamilch im Flughafenterminal D in Berlin Schönefeld, Abflughalle. Es ist 20:00 Uhr, und angesichts der Tatsache, dass ich morgens um 03:00 Uhr Ortszeit in Israel landen und um 08:45 Uhr im Vorlesungssaal sitzen werde, finde ich den spätabendlichen Kaffee gar nicht so unangebracht.

Meine Seele lacht, denn ich habe gerade eine zauberhafte Woche verlebt. Weihnachten mit meiner Familie, in kaltem Klima (ja, das kann Grund zur Freude sein!) mit traumhaften Besuchen all der Menschen, die mir am Herzen liegen. Wirklich, irgendwie hat mir das Universum die Umstände so günstig hingebastelt, dass ich in einer einzigen Woche Feli, Clara, Tim, Pia mit Freund Cristoph und Inge sehen durfte. Drei dieser Begegnungen waren vollkommen unverhofft, und so trägt mich die Magie dieser Woche momentan noch drei Centimeter über dem Boden schwebend durch diese zauberhafte Welt. Dazu kommt, dass wir das erste Mal seit Jahren ein Weihnachten nur in Familie verlebten, und mit Familie meine ich die Kerntruppe: Mama, Papa, Emma, Heinrich, ich. Das hat mir mal wieder vor Augen geführt, was für ein verdammtes Glück ich damit hatte, in eine solche Schar hineingeboren worden zu sein, Ich darf in ein weihnachtlich geschmücktes Haus kommen, von Kerzen und Lichterketten erleuchtet, in dem auf frischer Leinenbettwäsche gefaltete Handtücher für mich liegen und die Mutter dampfend-köstliches, veganes Weihnachtsessen zubereitet – Würstchen und Kartoffelsalat, Braten mit Rotkohl und Kartoffeln, Rouladen – die alte Henne kann einfach alles.

Wenn morgens mein Wecker klingelt, springt mein Vater fröhlich die Treppe herunter und wir schmeißen uns in Windjacken, um noch vor dem Frühstück eine Bergwanderung zu unternehmen und die tiefgreifenden Themen des Lebens zu besprechen, während neben uns die Sonne hinter dem Harz aufgeht und vor uns Rehe über den Weg springen. Das klingt so kitschig, dass man meinen könnte, ich dächte mir das Ganze aus, tue ich aber gar nicht. Zu Hause warten natürlich heißer Kaffee und ein gedeckter Frühstückstisch mit frisch aufgebackenen Brötchen, der Henne sei Dank.

Meine Geschwister machen ihr eigenes Ding, aber wenn wir es alle an einen Tisch schaffen, tun mir nach kurzer Zeit die Bauchmuskeln so sehr weh, dass ich angst haben muss, dass mir jeden Moment die OP-Narben aufplatzen. Momentchen. OP-Narben? Ja, OP-Narben. Für diese Märchenhafte Heimatbesuchwoche habe ich nämlich mein Soll bezahlt, das steht mal fest. Einige von euch wissen es schon, andere kläre ich jetzt auf. Neun Tage vor meinem geplanten Abflugtermin nach Hause landete ich eines Abends nicht in meinem WG-Zimmer, sondern in einem Krankenhausbett mit Aussicht. Und das kam so.


Eines wunderbaren Abends, kurz nach Inges Abreise, lag ich in meinem Bettchen, nachdem ich mit Rusne Lebkuchen gebacken und mit meiner lieben Adi sowohl den Beginn von Channukah als auch den Geburtstag ihrer Mitbewohnerin gefeiert hatte. Alles war hervorragend gewesen, ich hatte mich ganz großartig gefühlt, bis ich um drei Uhr morgens mit Schüttelfrost aufwachte und dachte, es bräche sich gleich ein Alienbaby seinen Weg durch meine Bauchdecke, so sehr tat mir meine Mitte weh. Nachdem ich panisch zwei Ibuprofen aus meinem Medizinvorrat gewühlt und mich in drei Decken gewickelt hatte, kam mir kurz vor dem Einschlafen ein unschöner Gedanke: Jenes könnte der Blinddarm sein.

Und das war auch so.

Fast forward: Am kommenden Tag um 15:30 Uhr schaute Doktor Schuv aus Sudafrika mich besorgt an. Schrieb meine gesamte Krankengeschichte nieder (das allein nahm bereits 30 Minuten in Anspruch, es ist ja mittlerweile doch eine ziemlich lange Story), drückte auf meinem Bauch herum, hob meine Beine an und stellte dann fest: „Sie essen mal besser nichts mehr. Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Blinddarm, und da steht eine OP an. Wir machen jetzt noch ein paar Tests, und dann geht es los.“

Ich hätte vielleicht geschockt sein sollen, aber irgendwie war ich ziemlich emotionslos. Tatsächlich war mein erster Gedanke eher: „Ach, wie Praktisch, eine Krankschreibung über Weihnachten, dann muss ich die Uni ja gar nicht schwänzen!“ Wenn ich mittlerweile irgendwas kann, dann ist es wohl Reisen und in Krankenhäusern sein. Schließlich waren das meine zwei Hauptbeschäftigungen in den vergangenen Jahren, und so trottete ich zur Administration, unterschrieb, was es zu unterschreiben galt, zahlte, was es zu zahlen galt (hier nochmal einen herzlichen Dank an meine Eltern, ich wäre aus der Portokasse sicher nicht in Vorauszahlung für Bluttests, Ultraschalluntersuchungen, ein CT und eine Operation mit anschließendem Krankenhausaufenthalt gegangen) und legte mich auf eine bereits so vertraut wirkende Gummimatratze mit ausgekochtem Baumwolllaken in weiß.


Servicehinweis: In der Zwischenzeit wurde ich an Bord meiner ElAl-Maschine gebeten, flog vier Stunden lang durch die Nacht, erreichte morgens um halb 5 meine WG, saß ab 08:45 Uhr wieder in der Uni, und feierte an jenem Abend eine Stunde vor euch Silvester, inmitten der Tel Aviver Innenstadt auf dem Rothschild Boulevard stehend, glücklich lachend. Jetzt sitze ich mit zunehmend belastandem Schlafmangel und – wie könnte es anders sein – mit einem Kaffee im Café auf unserem Campus und warte auf die nächste Vorlesung. Zurück zur Story.


Noch an meinem ersten Abend im Krankenhaus kam Rusne vorbei und kümmerte sich um mich. Trug meine Sachen hinter mir her, lieh mir ihr Handyladekabel, nahm mich in den Arm, wenn das nötig war. Als klar war, dass ich im Krankenhaus bleiben müsste, nahm sie mir meinen Wohnungsschlüssel ab, fuhr eine Stunde lang mit dem Bus zu meiner Wohnung, sammelte frische Klamotten, Zahnbürste, Medikamente und meinen Teddy ein, und brachte alles auf demselben Wege wieder zu mir. Als sie unterwegs war, tauchte Tal auf. Mit dem hatte ich eigentlich an jenem Abend die Vorpremiere des neuen Star Wars Teils im Kino sehen wollen, und da sein Abend damit sowieso verplant gewesen war, hatte er es für sinnvoll befunden, sich auf eine eineinhalbstündige Reise in mein Krankenhauszimmer zu begeben.

Meine Mutter hatte Inge informiert, die wiederum Carmi mit ins Boot geholt hatte. Carmi, ihres Zeichens selbst Ärztin, hatte daraufhin sofort mit meinem Arzt telefoniert und sichergestellt, dass er sich gut um mich kümmern würde. Außerdem hatte sie Post-Entlassungspflege angeboten.

Mit dem Krankenhauszimmer hatte ich übrigens mal wieder verdammt Glück gehabt, Glückskind, das ich nunmal bin. Leider war auf der Station nur noch ein Bett frei gewesen: Das in der Privatsuite mit vier Ohrensesseln, einem Kaminfeuer, einer eigenen Kaffeemaschine, einem eigenen Bad aus Marmor und dem Panoramafenster mit direktem Blick auf’s Mittelmeer. In etwa der schönste und komfortabelste Raum, in dem ich in den vergangenen drei Monaten residiert hatte. „Entschuldigung angenommen“ sagte ich leise in’s Nichts hinein, als ich in dieses Zimmer gebracht wurde. Auf das Universum kann man sich eben immer verlassen.

Die Nacht war unruhig. Alle zwei Stunden wurde meine Temperatur kontrolliert, während pausenlos irgendwelche Flüssigkeiten durch den Venenzugang in mich hineinliefen: Kochsalzlösung, hoch dosiertes Antibiotikum, ein bisschen Glukose, denn ich hatte ja seit dem Frühstück nichts mehr essen dürfen. An jenem ersten Abend war noch nicht klar, ob es tatsächlich der Blinddarm war. Der Allgemeinmediziner war sich zwar ziemlich sicher gewesen, doch der Radiologe hatte nach dem Ultraschall Bedenken geäußert, weshalb erstmal mit Kanonen auf Spatzen geschossen wurde. Bei Fieber Antibiotikum, so zur Sicherheit. Alles weitere sollte ein CT am nächsten Morgen klären.


„Wir geben Ihnen jetzt die Iodlösung.“

Eine Stimme mir hartem, russischem Akzent drang durch unsichtbare Lautsprecher in den Raum, in dem ich gerade mit den Armen über dem Kopf auf einer Liege lag, angeschlossen an lauter futuristisch wirkende Apparaturen, während der Computertomograph mein Abdomen durchleuchtete. Ich starrte an die weiße Decke, als die Pumpe links von meinem Kopf zu rattern begann und durch den telefonkabelartigen Schlauch, der direkt in meiner Blutbahn endete, eine klare Flüssigkeit in mich hineinlaufen ließ.

„Nicht atmen“

sagte eine Computerstimme aus einem anderen Gerät.

Als ich da so lag, umgeben von nichts als sonderbarer Weltraumtechnik, konnte ich nicht umhin mich zu fragen, wann wir angefangen hatten, Krankenbehandlung so zu technologisieren. Klar, in diesem Moment und bei einer so akuten Sache wie einer potenziellen Blinddarmentzündung war das alles mehr als hilfreich, trotzdem machte sich in meinem Bauch ein komisches Gefühl breit, und zwar nicht nur wegen der Hitzewelle, die Iodlösung in der Blutbahn im Allgemeinen auslöst.


Zurück in meinem Bett klingelte mein Telefon.

„Hallo, hier ist Daniela aus der Administration! Ich wollte mal fragen, wo wir denn jetzt die 13.000 US$ für die Operation abbuchen können?“

Noch hatte kein Arzt mit mir gesprochen. Mir war weiterhin jegliches Essen und Trinken versagt worden, seit über 24h kam meine Energie aus durchsichtigen Plastiktüten, die an einem Metallständer hingen, angebracht von Krankenschwestern mit freundlichem Lächeln und ohne Englischkenntnisse. Bestes Training für mein Hebräisch übrigens. Als ich Daniela am Telefon hatte, schaltete ich schnell.

„Ich gehe davon aus, dass es also der Blinddarm war.“

„Was?“

„Na, ich hab noch keinen Arzt gesehen, aber wenn Sie 13.000 US$ brauche, war er es vermutlich, und ich werde operiert?“

„Äh, ja. Genau. ‚tschuldigung, ich wusste nicht, dass mit Ihnen noch niemand gesprochen hat. Also, es war der Blinddarm, um die OP ist heute abend um neun. Das heißt, wenn wir die 13.000 US$ haben…“

Ich gab meine Daten durch, hatte ja Gottseidank schon am Vortag für die nötige Liquidität gesorgt, lehnte mich zurück und starrte aus dem Fenster. Warten also. Auf die OP. Wenigstens wusste ich jetzt, was los war.

Drei Stunden später tauchte mein Chirurg auf, ein großer, kräftiger Russe mit starkem Akzent und dichtem, weißen Haar. Ich hatte ihn von Anfang an sympathisch gefunden, denn er erinnerte mich an Juhos Vater, der mich ja bekanntermaßen bei unserer letzten Begegnung mit veganem Eis versorgt hatte. So erschleicht man sich meine Gunst, und mein Unterbewusstsein verknüpfte den russischen Arzt mit tierfreier „Peanutbutter and Cookies“-Eiscreme – nicht die schlechteste Assoziation.

„Ich werde machen Laparoskopie“

sagte er

„und machen Loch hier, hier und hier.“

Dabei piekste er auf meinem Bauch herum, um mir zu zeigen, wo genau ich Narben zu erwarten haben würde. Ich war sichtlich desinteressiert, hatte nämlich eine ganz andere Sorge.

„Und wann darf ich wieder essen?“

Der Herr Chriurg grinste mich an.

„Machen keine Sorgen, noch nicht, und nach Operation nur weiche Dinge“

erklärte er, als er mir den Rücken zukehrte und aus dem Raum trottete. Dann blieb er stehen und drehte sich noch einmal um:

„Ist gut für dich! Ist gut für – Diät!“

und klopfte sich zwei Mal mit der flachen Hand auf seinen beachtlichen Bauch, bevor er lachend verschwand, und mich hungrig auf meinem Bett zurückließ.


„Darling, was machst du denn!“

sagte Adar, als er am selben Abend mit Amandine im Schlepptau in mein Zimmer stolperte. Tal war auch schon wieder da, hatte aber gerade ein Interview für die Arbeit zu führen und saß in einem der Ohrensessel am Kaminfeuer.

Adar überreichte mir eine Tüte mir frischer Unterwäsche, meinem Laptop-Ladekabel und ein bisschen Make-Up, damit ich mich besser fühlte. Dann setzten er und Amandine sich an mein Bett.

„Geht es dir gut? Sind alle nett zu dir? Muss ich jemanden auf Hebräisch zusammenfalten?“

Mein lieber Adarling war sichtlich nervös, viel nervöser als ich, die ich mich eigentlich haupsächlich auf das High freute, welches einem die kurz vor der OP verabreichten Schmerzmedikamente im Allgemeinen bescheren. Ich habe Angst vor Spinnen und öffentlicher Demütigung, nicht so sehr vor Operationen. Eher gar nicht. Adar offenbar schon. Irgendwann verschwand er mit den Worten „Ich muss mit den Schwestern reden!“ und war weg.

Als er wiederkam, war alles geklärt, was mir die Schwestern in ihrem nicht vorhandenen Englisch zuvor nicht hatten erläutern können.

„Also“

Adar baute sich am Fußende meines Bettes auf

„Dieses Zimmer kostet nicht extra, das war einfach das einzig freie Bett. Dein Arzt macht nur Laparoskopische Operationen und ist in drei Kliniken der Experte dafür. Dein Blinddarm ist entzündet, und zwar sehr, aber noch intakt, also sollte das alles kein Problem sein. Die Genesung dauert zwischen einem und drei Tagen, essen gibt es morgen früh, nach der OP. Zu Weihnachten kannst du nach Hause fliegen.“

Wieder war klar: Immer gut, einen Israeli zu kennen.

Dann lag ich da auf meinem Bett. Um mich herum Tal, Adar und Amandine, und wir sprachen über Gott und die Welt, bis zwei Schwestern kamen und mich aus dem Zimmer rollten.

„Wir sehen uns auf der anderen Seite.“

sprach Tal, bevor ich in meinem Bettchen um die Ecke bog und im Aufzug zum Operationssaal verschwand.


„Ich spreche Deutsch! In Israel spricht ja niemand Deutsch, aber ich spreche es so gerne – wie schön, dass du hier bist!“

Die russische OP-Schwester schüttelte meine Hand, während ich bereits splitterfasernackt und nur mit einem dieser grünen OP-Tücher bedekt auf dem OP-Tisch lag und um mich herum etwa sechs Menschen den Eingriff vorbereiteten. Alle waren sehr interessiert an der Patientin aus dem Ausland.

Ich hatte zwar schon die Sauerstoffmaske auf dem Gesicht, unterhielt aber trotzdem den gesamten Saal. Woher ich komme wollten sie wissen, was mich nach Israel gebracht hat, ob ich Hebräisch spräche. Als ich dann Hebräisch sprach, applaudierte die gesamte Crew, rief „woooohoooo!“ und überhäufte mich mit Komplimenten. Ich finde ja, dass man so eine Operation immer möglichst locker sehen sollte, diese Situationen wirken viel zu oft viel zu ernst, dabei ist auch in einem Operationssaal immer Luft für Menschlichkeit. So wie eigentlich überall. Selbst in der Führerscheinbehörde.

Das letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass der Anästhesist einen Schnitzel-Witz riss, bevor ich nach kurzem Höhenflug in das Land der Träume entschwand.


„Hier, Frühstück!“

ich wollte mich erbrechen.

Es war sieben Uhr morgens, als ich aufwachte. Noch immer tropften Flüssigkeiten in mich hinein, mir war schwindelig, und auf meinem Bauch klebten drei blutige Pflaster, genau da, wo der Chirurg am Vortag mit seinem Finger hingepiekst hatte.

Das Frühstück sah folgendermaßen aus: Zwei Mal fettarmer Joghurt, ein Becher Hüttenkäse, zwei Becher Pudding. Ich klingelte eine Schwester herbei, und herein kam der Pfleger mit runder Brille, der mich bereits in der ersten Krankenhausnacht betreut und sich an meiner Kaffeemaschine bedient hatte.

„Hallo! Ich – ich – ich esse vegan.“
Ich hätte mich gerne etwas differenzierter ausgedrückt, doch dazu reichte mein Hebräisch-Vokabular leider noch nicht aus.

„Tut mir Leid.“ brachte ich noch heraus.

„Aaaaach, das ist gar kein Problem!“ sagte er, und strahlte. „Ich auch. Ich such dir was, und zwar persönlich! Kleinen Moment.“ Sagte er, und verschwand. Drei Minuten später wurden mit Sojajoghurt und Soja-Schokoladenpudding serviert. Und Kaffee. Heißer Kaffee. Ich bedankte mich herzlich und fuhr die Rückenlehne meines Bettes hoch. Mein Bauch tat höllisch weh. Mir war vorher nie aufgefallen, wofür man seine Bauchmuskulatur so braucht im Alltag. Falls es euch ähnlich geht, ist hier die Antwort: Alles. Man braucht sie für alles. Und wenn sie aufgeschnitten wurde, kann man daher – na? Was? – richtig. Nichts.

Dieser Zustand des Nichtskönnens versetzt mich immer in eine mir sehr unangenehme, hilflose Lage. Und an dieser Stelle muss ich mal sagen, dass ich wahnsinnig, wahnsinnig dankbar dafür war und bin, hier um mich herum so wundervolle Freunde geschart zu haben, die einfach da waren. Mehr braucht es ja manchmal gar nicht. Aber eines kann ich sagen: Ich war nicht einsam. Ich war nicht allein. Obwohl ich ohne Familie und ganz allein nach Israel gekommen war, hatte ich alles, was ich brauchte. Und alle, die ich brauchte.

Um elf kam Rusne durch meine Tür spaziert und sorgte mit ihrer Art, die ich so liebe, dafür, dass mit der Bauch zwar nicht vom Bewegen, aber von regelmäßigen Lachattacken wehtat. Dann kam Nico nach der Uni vorbei. Dann Lena. Die beiden besorgten mir einen Wochenvorrat Soja-Schokopudding, den ich noch am selben Tag vertilgte. Dann kam Tal, mit noch mehr Joghurt und Pudding, und zwei Tafeln Schokolade. Und dann war es acht Uhr abends, und ich lag in meinem Bettchen, und war nur dankbar. Einfach nur dankbar. Und vielleicht ein bisschen besorgt.


„Was ist denn los?“

Der arabische Krankenpfleger (Mitte fünfzig, kurzes, graues Haar, freundliches Lächeln) schaltete das Nachtlicht an, stellte einen Sessel neben das Kopfende meines Bettes, und reichte mir eine der zwei Tassen Tee, die er gerade zubreritet hatte.

„Ich weiß auch nicht“ antwortete ich und schlürfte ein bisschen an meiner Tasse „ich kann kaum alleine aufstehen, und wenn ich morgen entlassen werde… ich will meinen Mitbewohnern eben nicht zur Last fallen…“
was folgte, war ein einstündiges Gepräch über Krankheit, Glück, und die großen und kleinen Probleme in meinem Leben und dem Leben des Krankenpflegers. Er war Christ, würde auch zu Weihnachten nach Hause fliegen. Er zeigte mir Fotos von seinem Haus in Haifa und seiner Reise nach Griechenland, ich erzählte von Südostasien und meinen Trips durch Israel. Wir tauschten Handynummern.

„Wenn du mal in Haifa bist, trinken wir einen Kaffee. Und wenn du morgen noch nicht entlassen werden willst, sag mir Bescheid, dann bleibst du eben hier. Ich kümmere mich. Du musst das hier nicht alleine machen.“


Am nächsten Morgen befand ich, dass ich nach Hause fahren könne. Also rief ich Adar an, und er sammelte mich mit seinem kleinen, cremefarbenen Fiat 500 ein. „Du machst heute gar nichts.“ sagte er, und trug meine Sachen in die WG. Ich lief etwas gekrümmt und war froh, mich in mein Bett legen zu dürfen.

An jenem ersten Tag zu Hause brachte Nico selbstgemachte, gründlich pürierte Kürbissuppe in einer Tupperdose vorbei. Abends kam meine liebe Freundin Adi mit einer Tüte voll Sojajoghurt und Vanille-Sojamilch in mein Zimmer. Alle halbe Stunde kam Adar an mein Bett, hielt meine Hand und vergewissterte sich, dass alles in Ordnung war. Michael sicherte Unterstützung zu, sollte ich sie brauchen. Amandine machte meine Wäsche. Und ich desinfizierte meine Wunden.


Freunde. In einem fremden Land im Krankenhaus zu sein, kann unschön sein. Kann auch Angst machen. Kann schief gehen. Aber das tut es nur ganz selten.

Ich reise viel und oft alleine, wie ihr mittlerweile alle wisst, und oft sind es genau Szenarien wie dieses, die im Kopfkino ein katastrophales Ausmaß annehmen, wenn man irgendwo allein hinfährt. Aber meine Blinddarm-OP war mal wieder der beste Beweis dafür, dass man nirgendwo alleine ist, wenn man es nicht sein will. Nette Menschen gibt es immer und überall, wenn man sich auf sie einlässt. Zu viel Mistrauen macht einsam, und freundlich sein schafft Wunder.

Es sind alles nur Menschen. Die unfreundliche Krankenschwester hat vielleicht schlecht geschlafen und braucht nur ein freundliches „Danke!“ und ein breites Lächeln. Der Arzt ist nicht nur Arzt, sondern auch Ehemann und Vater, der gerne über seine Kinder spricht, wenn man ihn danach fragt. Und vielleicht wartet die OP-Schwester nur auf eine Gelegenheit, um mal Deutsch zu sprechen, und der Pfleger auf einen Patienten, der auch vegan isst.

Hilfe annehmen von Menschen, die man erst seit kurzem kennt, ist nicht immer einfach. Aber es kann eine wundevolle Sache sein, die wir uns manchmal selbst versagen, aus Stolz oder schlechtem Gewissen. Das mache ich besonders gerne. Aber manchmal müssen wir da eben durch, und dann helfen ehrliche Dankbarkeit und ein freundliches Gesicht mehr, als es jegliche materielle Rückzahlung jemals könnte. So schön kann die Welt sein.


Mir geht es heute wieder gut. Eine Narbe will nicht so recht heilen, aber wenn ich was kenne, dann sind es wohl offene Wunden. Ich sitze wieder in der Uni, und ab Donnerstag darf ich wieder vorsichtig anfangen, laufen zu gehen, worauf ich mich freue.

Also grüße ich euch alle herzlich aus dem heiligen Land und wünsche euch ein großartiges, abenteuerliches und glückliches Jahr 2018!

4 Kommentare

  1. Erhard Daberkow sagt: Antworten

    Ich war zwar über das Ereignis schon auf dem Laufenden aber deine Humorvolle Interpretation war sehr Aufschlussreich und Humorvoll aufgezeichnet. Liebe Grüße aus Jatznick dein Opa

  2. Tante Clödi sagt: Antworten

    Ach Klärchen, willkommen im Klub. Jetzt können wir uns beim nächsten Mal die Narben zeigen. Zwar ist meine Geschichte nicht so blumig, hält aber auch ein paar Lacher bereit. Ansonsten vermisse ich Dich hier und im Netz. Ich hoffe, es geht Dir wieder richtig gut. Kussi

  3. Lydia Rust sagt: Antworten

    Liebe Klara,
    Du hast ja wieder erlebnisreiche Zeiten erlebt. Und es macht Spaß , deine Aufzeichnungen zu lesen und von den Fotos her muß das Land von seiner Natur unsagbar schön sein.
    Dein wunderbares Zuhause mit deiner herzlichen und humorvollen Family.
    Oh Gott, das mit deinem Krankenhausaufenthalt ist ja krass, aber du hast auch dieses Kapitel gemeistert.
    Und was sind denn schon ein paar Narben. ? Schau mich an , ich bin trotzdem noch schön!!
    Und morgen gehe ich endlich wieder in mein geliebtes Büro, meinen tollen Chef und meinen lieben Mädels vom Dach.
    Ich freue michso sehr darauf.
    Weist du liebe Klara, dass du unwahrscheinlich beeindruckend deine Memoiren mitteilen kannst. Kompliment☺☺☺
    Hast du schon mal darüber nachgedacht , dies alles in einem Buch zuverfassen? Das ist mein Ernst…. ein Bestseller von der Weltenbummlerin
    Klara Strube.
    Bleib gesund meine liebe Freundin.
    Bis bald auf einen Kaffee oben auf dem Schiffsdeck.
    Herzliche Grüße Lydia

  4. Annelene und Ernst v.Schönfeldt sagt: Antworten

    Wo ist Klara geblieben – wir haben Entzugserscheinungen !!!!

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