Von Kiev nach Lviv: Ein Zug, kein Englisch, PDA

Freunde.

Etwas dummes ist passiert. Ich habe in Israel kürzlich mein Laptop Ladekabel in der Uni verloren und mir vor einigen Wochen einen Ersatz in Israel gekauft. Doch leider ist jener Ersatz nur für israelische Steckdosen geeignet, und deshalb in der Ukraine gänzlich nutzlos. Also kann ich meinen Laptop hier leider nicht benutzen und habe eine App heruntergeladen, die meine Worte nun in Text umwandeln soll. Mal sehen, wie das so funktioniert. Jedenfalls spreche ich jetzt mit euch anstatt zu schreiben – wundert euch also nicht falls ich etwas anders… Sagen wir: „klinge“. Ich habe euch in jedem Fall einiges zu erzählen, also lasst uns gleich loslegen. Am Morgen nach meinem radioaktiven Abenteuer umarmte ich Hlasha fest bevor sie zur Arbeit ging und ließ mich wenig später von Zhenya zum Bus bringen, er hatte darauf bestanden. Bevor mein Bus kam beteuerte er, dass er sein Englisch verbessern würde, damit er mir das nächste Mal noch mehr über die Ukraine und die politischen Gegebenheiten hier erklären könnte. Außerdem wollte er mir mehr von Kiev zeigen – er sagte, ich hätte noch lange nicht alles gesehen. Das wundert mich wenig, schließlich war ich nur zwei ganze Tage lang in der Stadt, und wie viel kann man von einer Großstadt in dieser Zeit schon mitbekommen?

Nach ziemlich traurigem Abschied machte ich mich auf dem Weg ins Literaturcafe „Imbir“, wo ich bei meinem geliebten Porridge die Zeit totschlagen wollte, bis mein Zug mich nach Lviv bringen würde. Ich arbeitete also am Laptop (Hlasha und Zhenya hattem glücklicherweise ein passendes Kabel zu Hause gehabt und so hatte ich noch eine Runde Power dabei) – meine Arbeit habe ich ja immer im Gepäck, zumindest solange mein Laptop noch Batterie hat – und machte mich dann zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof. Ich hätte auch ein Taxi genommen, nur stand an jenem Tag die Präsidialdebatte im Sportpalast an, weshalb fleissige Militärs die gesamte Innenstadt absperren und einzäunten. Fand ich natürlich wieder höchst spannend und stand einige Minuten lang am Straßenrand, um Soldaten dabei zu beobachten, wie sie sich Zaunteile zuwarfen.

Dann spazierte ich gelassen weiter durch leichten Regen, mit all meinen Habseligkeiten auf dem Rücken, hin zum Bahnhofsgebäude. Dort hatte ich nicht nur den Plan, meinen Zug nach Lviv zu erwischen, sondern hatte außerdem noch ein anderes Projekt vor dem Bauch: ich brauchte ein Zugticket aus der Ukraine nach Rumänien. Zugtickets muss man hier mindestens zwei Tage im Voraus besorgen, kann das aber online machen und sich damit gut auf die Reise vorbereiten. Hlasha hatte mir bisher dabei geholfen, denn die Websites sind allesamt auf Russisch, und da hört es bei mir dann doch leider auf. Mein Zugticket nach Lviv hatte ich deshalb bereits in der Tasche, doch die internationale Reise nach Rumänien musste man am Schalter besorgen. Leider spricht am Schalter niemand Englisch. Aufgrund dieses Wissens war ich extra früh anwesend, um dieses Problem mit möglichst viel Zeitpuffer bewältigen zu können. Jener Puffer war, wie sich herausstellte, mehr als nötig. Es gibt verschiedene Kassenfenster für verschiedene Anlässe. Jene Anlässe sind leider in Russisch und Ukrainisch ausgezeichnet, weshalb ich mich einfach dummdoof durchprobieren musste. Also wurde ich von einer nicht englisch sprechenden Dame zur nächsten geschickt und stand immer wieder in immer länger werdenden Schlangen mit immer kürzer werdender Zeit, die mir noch blieb, bevor ich meinen Zug boarden musste. Irgendwann fand ich endlich einen Engel. Eine Dame in ihren Vierzigern saß hinterm Kassenfenster im Licht einer einzenen Neonröhre und Verstand zumindest rudimentäres Englisch gut genug, um mir mit meinem Anliegen weiterhelfen zu können.

„Ich würde gerne ein Ticket von Chernivsky nach Bucharest buchen, für den 25. April.“

„Was?“

„Fünfundzwanzig.“

„Was?!“

„ZWANZIG FÜNF.“

„Ah.“
Die Dame tippte.
„Keine Tickets“ war die Auskunft.
„Und einen Tag früher?“ Fragte ich etwas besorgt, schließlich hatte ich keine Wahl, ich musste irgendwie nach Bucharest kommen.
„Keine Tickets“ wiederholte sie „Chernivtsi Bucharest keine Tickets.“

Dann war es Zeit für Tante Google. Hier kam ich nicht weiter. Tatsächlich war die Verbindung, die mir im Internet angezeigt worden war, über einen Anschlusszug in Vadul-Siret geplant.

Ich sage mal so viel. Wenn ich in Deutschland ansagen würde, dass ich von Aschersleben nach Köln fahren möchte, würde mir die Dame vermutlich die richtige Verbindung sagen und mir dann ein Ticket für eben jene Verbindung mit allen Anschlusszügen aushändigen. Hier hingegen muss man genau wissen, was man will, bevor man fragt. Man will die Angestellten ja nicht zu sehr belästigen. Ganz ähnlich wie bei den Toiletten, bei denen man ja ebenfalls vorher wissen muss, wie viel Klopapier man braucht.

Ich korrigierte mich also selbst und fragte nach einem Ticket von Vadul Siret nach Bucharest. Da war die Dame dann selbst überrascht, dafür gab es dann nämlich Ticket.

„Zug Vadul Siret Bucharest 900 Hryvna 10 Stunden in Ordnung?“

Sagte sie und schaute mich fragend an.

„In Ordnung“ sagte ich, schließlich hatte ich gar keine Wahl.

Dann war nicht mehr viel zu tun. Ich händige ihr meinen Pass aus, die Dame tippte was in ihre Tastatur, lächelte mich an und druckte mir schließlich mein Ticket aus – von Vadul Siret nach Bucharest. Wie ich es von Chernivtsi nach Vadul Siret schaffen soll weiß ich zwar bis heute nicht, aber auch da wird sich noch einen Weg finden. Schließlich habe ich noch fast 24h Zeit. Fast. Aber zurück an den Bahnhof in Kiev.

Meine letzte Frage an die Dame am Schalter war, zu welchem Gleis ich denn gehen sollte. Das war nämlich nicht auf meinem Ticket vermerkt.

„In der Eingangshalle“ sprach sie „in der Eingangshalle nach dem Zug von Kiev nach Ivanko Frankivsk gucken – IVANKO FRANKIVSK“ wiederholte Sie langsam und für hörgeschädigte Ausländer. Gott sei Dank hatte ich mir in den vergangenen Tagen schon etwas Kyrillisch erschlossen, denn auf besagter Informationstafel in der Eingangshalle war alles nur auf kyrillisch angeschrieben. Doch ich fand ihn, den Zug nach Ivano Frankivsk. Gleis 2. Gut. Das konnte ich tun. Als ich mir schwungvoll meinen Rucksack wieder aufsetzen wollte, wurde der plötzlich sehr leicht. Ich drehte mich um, und da stand ein älterer Herr ohne Vorderzähne und half mir dabei, mir mein schweres Gepäck wieder aufzusetzen. Er sagte irgendwas auf russisch oder ukrainisch, ich sagte, dass ich leider weder Russisch noch Ukrainisch spreche. Also lächelten wir uns beide einfach an, er winkte mir fröhlich und wandte sich wieder dem Ticketautomaten zu, von dem er sich losgeeist hatte, um mir zu helfen. Ich kontrollierte sicherheitshalber, ob alle wichtigen Dokumente und mein Portemonnaie noch da waren – waren sie – und freute mich dann einfach über so viel Hilfsbereitschaft. Es gibt sie eben überall auf dieser Welt, die Engel, manchmal ohne Vorderzähne.

Ticket im Gepäck jedenfalls ging ich noch einmal auf ein typisch ukrainisches Bahnhofsklo (ihr wisst ja jetzt, wie das so aussieht) und begab mich dann zum Gleis Nummer 2. Alles sehr sauber, alles sehr einfach, alles sehr gut ausgeschildert. Wäre alles sogar NOCH einfacher gewesen, wenn auf meinem Ticket, auf dem Zugabteil und meine Platznummer vermerkt waren, nicht alles ausschließlich auf Ukrainisch geschrieben gewesen wäre. Doch vor der Zugtür stand ein Bahnangestellter und schaute sich mein Ticket ausgiebig an, bevor er mir bedeutete, ich solle mich bitte in den Waggon hinter ihm begeben. Das war mir sehr sympathisch, zumal das in Deutschland ja nicht passiert und man sich deshalb einfach versehentlich in den falschen Zug setzen kann. Hier unmöglich, was mich freute. Also wusste ich: ich war im richtigen Abteil im richtigen Zug auf dem Weg nach Leviv.

Die Zugaufteilung sah in etwa so aus wie im Hogwarts Express. In einem Abteil sitzt man zusammen mit fünf anderen Reisenden auf der einen Seite des Zuges, auf der anderen Seite des Zuges zieht sich ein Gang an einer Reihe Fenstern entlang, auf welchem der Schaffner hin- und herzieht und man sich bei Bedarf auf den Weg zum Klo oder zur Teeküche machen kann. Ja, Teekücke. Da trägt der gemeine Ukrainer seine Teetasse hin (ein Gerät, welches ich von meinem Russischlehrer aus Israel kenne – ein Glas, das in einer Metallhalterung mit Griff und patriotischen Verzierungen steckt) und kommt zurück mit gelblichem Tee, in dem er etwa fünfundzwanzig Löffelchen weißen Zuckers aufgelöst hat. Während der gesamte Zug ziemlich modern anmutete, lag in besagtem Gang ein sehr traditionell aussehender Teppich, der genau so auch im Wohnzimmer einer 80-jährigen Großmutter hätte liegen können. So viel also zu den äußeren Gegebenheiten. Pünktlich auf die Minute verließ der Zug unter angenehmem Schienenklappern den Bahnhof, und vor dem Fenster wurde aus dem Bahnhof die Innenstadt, dann die sozialen Wohnungsbauten der Außenbezirke Kievs, dann Vorstadt, dann Pampa.

Meine Zugfahrt wäre im Ganzen ziemlich angenehm gewesen, wäre ich nicht durchgängig dem schmusenden Pärchen direkt gegenüber von mir ausgesetzt gewesen. Der Amerikaner hat für dieses unangenehme Phänomen bereits einen Begriff erfunden: PDA, Public Displays of Affection, sind dort gemeinhin schon als unsägliches Ärgernis bekannt. Dieses Pärchen war offensichtlich – oder eher: hoffentlich – noch nicht so lange zusammen, denn der Mann konnte seine Finger wirklich keine 30 Sekunden von der Frau lassen. Das ist in Ordnung, wenn man es mal 20 Minuten lang sehen muss. Bei sechs Stunden Zugfahrt eingepfercht im selben Abteil wird es allerdings ein bisschen anstrengend. Am Ende wusste ich gar nicht mehr so recht, wo ich eigentlich noch hinschauen sollte. Ich wollte ihnen nur noch empfehlen, sich doch bitte baldmöglichst ein Zimmer zu nehmen und uns allen diesen grenzwertig pornographischen Anblick zu ersparen. Letztendlich entschied ich mich dazu, mich draußen auf dem Gang ans Fenster zu stellen und einfach die ukrainische Landschaft zu beobachten, die da vor dem Fenster an mir vorbeizog. Das war übrigens noch mal ein Abenteuer für sich. Was mir in der Ukraine jetzt schon mehrmals aufgefallen ist, auch schon auf dem Weg nach Chernobyl, ist, dass jedes noch so kleine Dörfchen, und wenn es nur aus 6 abgerappelten Häusern besteht, eine wundervolle, farbenfrohe, bunte und frisch renovierte orthodoxe Kirche hat, mit goldenen Kuppeldächern, die wirklich ziemlich fehl am Platz aussieht, wenn man über das sonst so karge Land fährt. Da steht dann jemand mit einem Pferdekarren und Weidenzweigen an der Schranke, hinter ihm ein verfallenes Bauernhaus, und dahinter wiederum eine goldglänzende Kirche die aussieht, als wäre sie ein Königspalast. Was ich auch schon lange nicht mehr gesehen hatte, waren Pflüge, die Hinter Ochsen und Pferde gespannt waren. Aber so sah die Feldarbeit hier nunmal aus, die ich so aus dem Fenster beobachten konnte. Verrückt, oder? Das fühlte sich alles ein bisschen so an, als würde ich eine Zeitreise ins Europa des frühen 20 Jahrhunderts machen. Ich konnte mich schließlich nicht mehr vom Fenster loseisen und stand geschlagene zwei Stunden lang einfach da, hörte Musik und schaute mir die Ukraine an. Da ich auf diesem Trip kein Auto habe, war das meine beste Chance, die Landschaft und Natur einmal so richtig wahrnehmen zu können. Und ich muss sagen: Es ist beeindruckend, nur nicht immer beeindruckend schön.

Kurz vor Sonnenuntergang kam ich in Lviv an. Der Bahnhof dort erinnerte mich doch sehr an die industrielle Revolution: Viel Stahl, viel blindes Glas, schnaufende Züge, eine Farbpalette von dunklem Braun bis Grau und viel Qualm. Wieso ist hier eigentlich überall immer so viel Qualm? Und wieso war in der industriellen Revolution überall Qualm? Ich sollte dieser Frage vielleicht doch noch mal auf den Grund gehen. Hat vermutlich etwas mit der Dampfmaschine zu tun.

Ich fand meine Tram, stieg ein und musste beim Fahrer ein Ticket erwerben. Ein solches Unterfangen sieht folgendermaßen aus: Man steigt vorne ein. Dann gibt es eine kleine Schublade zur Fahrekabine hin, da legt man Geld ein und schiebt es zum Fahrer rüber. Wenn man nicht das passende Kleingeld für nur ein Ticket hat (in diesem Falle waren es in Lviv 5 Hryvna, also etwa 16 Cent) muss man dem Fahrer leider mitteilen, wie viele Tickets man eigentlich erwerben möchte. Jetzt ist mein Russisch ja bekanntermaßen quasi nicht vorhanden, und von Tramfahrern in Lviv würde ich auf keinen Fall erwarten, dass sie irgendwie Englisch sprechen – schon mit den Zahlen sind die meisten Menschen hier völlig überfordert und tippen sie in ein nahegelegenes Handy oder den nächsten Taschenrechner ein, um die zu kommunizieren. Das gilt für Geschäfte genauso wie für Ticketschalter, Hostels oder alle anderen Orte, an denen Geld von mir verlangt wird.

Ich sah also eine Herausforderung in dieser Tramfahrt, denn ich hatte keine fünf Hryvna passend. Ich hatte nur zehn. Durch einen glücklichen Zufall aber hatte auch der Mann vor mir nur 10 Hryvna, und seines Zeichens echter Ukrainer schob er 10 Hryvna durch die kleine Schublade hin zum Fahrer und schrie “DWA”, woraufhin er zwei Tickets ausgehändigt bekam, durch die Schublade, versteht sich. Aha. Klara gesehen, gespeichert, und zum Nachahmen bereit. Das konnte ich auch. „Dwa“ hörte sich für mich doch sehr nach „zwei“ an. Also schob ich 10 Hryvna durch die Schublade und wartete auf eine Nachfrage vom Fahrer, die wenige Minuten später wie erwartet durch die uns trennende Scheibe geschrieb kam. Ich schrie ein inbrünstiges „DWA“ zurück. Und schwupps lagen zwei Tickets vor mr in der Schublade. Hervorragend. Sehr erfolgreich, das ganze.

Dann, liebe Freunde, muss man das Ticket entwerten. Das ist in der Ukraine relativ simpel: In Bus und Bahn gibt es so etwas wie eine an der Wand angebaute Zange, in die man das Ticket steckt und dann stanzt. Quasi wie das Ding, was die Schaffner früher im Zug hatten, nur ohne Stempel und mit Lochzange. Sehr analog, sehr effektiv, für Ausländer sehr einfach zu verstehen. 20 Minuten und einen kurzen Fußmarsch später war ich an meinem Hostel angekommen. Das Lviv Loft Hostel hatte online nur positive Bewertungen bekommen, deshalb hatte ich es gebucht, ein Couchsurfer hatte sich so kurzfristig leider nicht finden lassen. Im Nachhinein muss ich allerdings sagen, dass ich wirklich nicht weiß, woher dieses Hostel eigentlich diese guten Bewertungen bekommen hatte. Es wirkte eher, als wäre es von Teenagern geführt, die ständig im Gemeinschaftszimmer saßen und an Ihren Computer spielten. Niemand sprach Englisch (sehr spannende Erfahrung für klein Klara, das kannte ich so nur von meinen Thailand-Abenteuern) es war relativ dreckig, durchgängig laut und ich fühlte mich im Ganzen eher unwohl. Solltet ihr also irgendwann mal nach Lviv fahren, das Loft Hostel ist nicht eure erste Adresse.

Viel mehr passierte an diesem Tag aber dann nicht mehr. Ich besorgte Abendessen (veganes Café gleich um die Ecke, versteht sich), aß, duschte die Zugfahrt von mir und legte mich schlafen. Erste Zugreise in der Ukraine gut überstanden. Weitere sollten folgen. Aber jetzt erstmal Lviv.

Schreibe einen Kommentar