Corona – Was wir brauchten

Uns war schon lange klar, dass etwas radikales passieren musste.

Doch, wirklich. Wenn wir mal ganz ehrlich sind, haben wir alle schon lange gewusst, dass diese Probleme, in die wir uns höchst selbst hineingeritten hatten – Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, Stellvertreterkriege, Flüchtlingskrise, Rechtsruck – wirklich nur mit radikalen Maßnahmen zu bekämpfen sein würden. Wir wussten zwar nicht, wie die aussehen würden (für manch einen sind ja Fleischsteuer und Geschwindigkeitsbegrenzung auf unseren Autobahnen bereits eine Radikalität unerträglichen Ausmaßes, während wieder andere dazu bereit sind, ganz freiwillig wöchentlich zwanzig Einmachgläser in einen Unverpacktladen zu tragen um Plastikmüll zu vermeiden), doch dass sie kommen würden, da waren wir uns eigentlich ganz sicher – und zwar sowohl rechts als auch links auf dem politischen Spektrum. Ob nun geschlossene Grenzen und reduzierter Außenhandel oder ein Verbot von Verbrennungsmotoren, alle wollten zumindest irgendwas grundlegend verändern.

Jetzt ist genau diese Situation eingetreten: Es verändert sich etwas ganz grundlegend. Trotzdem ist keiner glücklich. Eigentlich komisch, aber leicht erklärt. Denn die Veränderung kam leider nicht so daher, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Und damit können weder Links noch Rechts, weder Jung noch Alt so richtig umgehen.

Wir wollten das zwar, aber anders. Tja. Da muss ich jetzt mal, den linguistischen Vorschlaghammer schwingend und für mein Alter und meine Position unangemessen bevormundend sagen: Pech gehabt.

Der Mensch macht sich seit tausenden von Jahren an der immer gleichen Stelle selbst verletzlich. Und zwar mit der tief sitzenden Überzeugung, dass er selbst weiß, was für ihn das Beste ist. Auf diesen Glauben baut er dann Erwartungen, die in der Folge meistens enttäuscht werden, dann ist er traurig, resigniert und schlussfolgert, dass das Leben scheiße ist und keinen Sinn macht, weil er eben nicht das bekommen hat, was für ihn das Beste ist.

Diese ganze Geschichte ändert sich dann, wenn man einmal einsieht, dass man eben nicht weiß, was für einen das Beste ist. Merkel weiß es nicht, Hoecke weiß es nicht, Sie wissen es nicht und ich weiß es auch nicht. 

Gut. Genug der Abstraktionen, Sie wissen wahrscheinlich schon lange, worauf ich eigentlich hinaus will. Die Erde – pardon, die Menschheit – erlebt gerade eine globale Pandemie, wir sollen alle zu Hause bleiben, und keiner weiß wie lang. Im Extremfall gehen Experten von einer 18-monatigen Quarantäne aus, mit wiederkehrendem Mangel an essentiellen Gegenständen des täglichen Bedarfs. Es sterben Menschen, keiner weiß, wie Länder der dritten Welt dieses Virus auffangen werden, keiner weiß, wie lange das hier alles noch so weitergeht und wie schlimm es wird. Klingt gruselig, ich weiß. Und wenn Sie sehr gerne in Panik verfallen, dann empfehle ich Ihnen dringendst, die aktuelle Situation genauso zu betrachten: Mit einer kleinen Stimme im Kopf die durchgängig “Wir werden alle sterben!” schreit.

Wer hingegen zu einem kurzen Perspektivwechsel bereit ist, dem sei folgendes ans Herz gelegt:

Das Problem mit Segen und Fluch ist seit jeher dasselbe. Die beiden lassen sich, wenn man mitten drin steckt, nur schwer auseinanderhalten. Denn normalerweise kommt weder der eine noch der andere in dem Gewand daher, das wir uns vorgestellt hatten, und dieses Kleidungsproblem gemischt mit zu wenig zeitlicher Distanz (merke: hinterher ist man immer schlauer) führt häufig zu Fehlidentifikation. Kleiner selbsttest: Denken Sie an irgendein Ereignis, welches Sie vor etwa zehn Jahren als ganz schrecklich empfunden haben. Stellen Sie sich weiter vor, dass dieses Ereignis nicht stattgefunden hätte und dass Sie stattdessen Ihre Pläne von vor zehn Jahren ungestört weiter hätten verfolgen können, etwa zehn Jahre lang. Vergleichen Sie die ersponnene Situation mit der aktuellen. Besser?

Wer zur realistischen Selbstreflektion ohne ausgiebiges Selbstmitleid fähiig ist wird feststellen, dass sein Leben vielleicht anders, nicht aber unbedingt besser, vielleicht sogar deutlich schlechter ausgesehen hätte, wäre er nicht hin und wieder mal durch die Hölle gegangen. Und was im Kleinen stimmt, stimmt ganz häufig auch im Großen, da können Sie Stephen Hawking konsultieren. Übertragen wir dieses Wissen aus unserem Privatleben also auf das Coronaproblem und gehen mal kurz davon aus, dass es sich hierbei um ein netto positives Ereignis handelt. Schauen wir in 2030 als zehn Jahre ältere und schlauere Personen auf 2020 zurück, könnten wir uns an eine zerstörerische Pandemie erinnern. Oder wir erzählen die folgende Geschichte:

Anfang 2020 lag die Welt in Trümmern. Die meisten von uns wollten es nicht sehen, weil sich der Mensch immer selbst am nächsten ist, und wir uns selbst ein Gefängnis aus Systemfehlern geschaffen hatten, die unsere Welt langsam wie ein Kartenhaus über uns zusammenbrechen ließen. Ein Großteil Australiens wurde von Buschfeuern zerstört. Die nächste Flüchtlingskrise stand an, die Türkei steckte im Krieg mit dem zerrütteten Syrien, Putin hatte Waffenabkommen in Milliardenhöhe mit afrikanischen Nationen geschlossen, die USA wurden von einem durchgeknallten und rassistischen Millionär regiert, Europas Politik wurde besorgniserregend rechts, die Briten hatten gerade die EU verlassen, die globale Erwärmung raste unverändert schnell auf den point of no return zu, doch niemanden schien das ernsthaft zu kümmern. Während alle darüber sprachen, wie alles immer schlimmer wurde, blieb sich jeder selbst der nächste, ging zur Arbeit, verdiente Geld, welches er dann für einen SUV oder im Steakrestaurant oder für den Billigflieger auf die Malediven verpulvern konnte. Wir waren alle blind, während wir ungebremst auf eine Felswand zurasten.

Doch dann hatte Massentierhaltung in einer Provinz in China ein neues SARS-Virus hervorgebracht, welches sich mit einer Mortalitätsrate von ca. 6% rasant schnell auf der Welt ausbreitete. Das wundervolle an einem Virus ist, dass es überhaupt nicht diskriminiert. Es befällt die Armen wie die Reichen, die Weißen wie die Schwarzen, das Kind in Afrika und den eigenen Nachbarn. Ein Virus ist wirklich einer der effektivsten Gleichmacher, den die Natur so hervorbringen kann. Deshalb wurden wir mit einem Gefühl gesegnet, welches wir schon viel länger hätten haben sollen, und jetzt endlich bekamen: Angst. Wir hatten Angst. Die Politiker hatten Angst, die Menschen hatten Angst, Wissenschaftler hatten Angst, und zwar alle vor einem gemeinsamen Feind. Glücksfall, denn nichts verbindet im Inneren so sehr wie ein gemeinsamer, äußerer Feind. Und COVID-19 lieferte endlich genau das. Einen gemeinsamen, äußeren Feind.

Plötzlich waren alle Entscheidungsträger zum Durchgreifen befähigt. Schlossen Grenzen, der Flugverkehr erstarb fast komplett. Alle nicht essentiellen Geschäfte wurden geschlossen, nicht essentielles Personal wurde nach Hause geschickt, Schulen, Universitäten und öffentliche Gebäude blieben geschlossen, Großveranstaltungen wurden abgesagt. Wir blieben alle zu Hause. Und dann passierte ein Wunder.

Binnen weniger Wochen reduzierten wir unseren globalen CO2-Ausstoß um die Hälfte, ein Ziel, das zu erreichen ein halbes Jahr zuvor undenkbar gewesen wäre. Die Menschen solidarisierten sich, die jungen und fitten halfen den alten und kranken, Arbeitgeber versuchten, ihre Arbeitnehmer zu schützen, Lehrer versuchten, ihren Schülern das Lernen so zu ermöglichen, wie es in ihren neuen Corona-Alltag passte. Im Angesicht des gemeinsamen äußeren und vor allem gleichstellenden Feindes wurden wir plötzlich alle die Menschen, die wir eigentlich schon lange hätten sein sollen.

Stellten Wirtschaft und Produktivität der Gesundheit hintan. Kümmerten uns um unsere Mitmenschen. Lasen endlich die Bücher, die wir schon so lange lesen wollten. Widmeten uns unseren Hobbies. Lernten, was uns wirklich wichtig war. Verbrachten Zeit mit unseren Familien, hatten Zeit, Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen und selbst zu Hause Brot zu backen. Mal wieder das Unkraut zu jäten und spazieren zu gehen, uns den Wald anzusehen, eine Radtour zu machen. So wurden wir alle nicht nur nicht krank, sondern wieder richtig gesund, und mit uns unser Planet.

Als eine Immunisierung gefunden und das Virus an uns vorübergezogen war, wussten wir alle wieder, was wirklich wichtig ist. Reformierten veraltete Systeme, hinterfragten alte Gewohnheiten, setzten neue Prioritäten, hatten keine Angst mehr vor Veränderungen, weil es nach dem COVID-19 Jahr sowieso keine Routine mehr gab.

So vieles von dem, was wir heute in 2030 haben, haben wie der Coronakrise zu verdanken. Es sind Menschen gestorben, wir haben echten Mangel gelitten, und sind am Ende als Spezies stärker und besser aus dieser Krise hervorgekommen. An manchen sonnigen Frühlingstagen war es sogar eine wundervolle Zeit, die Zeit mit COVID-19. Und hätte es das Virus nicht gegeben, hätten wir uns und unseren Planeten heute vielleicht bereits unwiderruflich zerstört.

4 Kommentare

  1. Hallo Klara, deine Gedankenansätze finde ich interessant und anregend,
    motivieren mich, auch meine Gedanken ein wenig in Form zu bringen.

    Es ist schön , dass du der Menschheit so viel Einsichtsfähigkeit und Veränderungswillen zutraust, und ich wünsche mir von Herzen, dass du damit richtig liegst!!!
    Ich selbst bin dahingehend ernüchterter.
    Ich traue den Menschen, der Menschheit insgesamt da weniger zu.
    Wenn ich sehe, wie wenig es wirklich zu echten Veränderungen und echter Solidarität kommt angesichts von Krieg, Völkermord, Toten im Mittelmeer… Das alles empört eine kleine Weile, hat aber nicht wirklich krasse Folgen.

    Ich merke auch, dass ich nicht wirklich von Krise oder gar Katastrophe sprechen kann, weil ich das Katastrophale nicht erkennen kann.

    Es ist ein Wirtschafts minus Wachstum von 9% prognostiziert, das ist zwar schade aber bringt keinen um. falls das aber doch als Katastrophe erlebt wird, dann wirft es ein Licht darauf, wo unser Schatz und unser Herz liegt…

    Die Corona Grippe diskriminiert nicht zwischen hautfarbe oder monatlichen Einkommen, das ist wahr, sie unterscheidet anders:
    an Stärke und Schwäche, also das biologische Merkmal.
    Wir haben uns extrem weit von natürlichen Prozessen entfernt, sodass, wenn die Natur einmal durch unsere Population durchfegt, das als totale Katastrophe erlebt wird, obwohl es eigentlich ein natürlicher reinigungsprozess ist.
    eine durchschnittliche lebenserwartung fast von fast 90 Jahren ist zwar sehr schön, natürlich ist sie nicht.

    Krise kann Umkehr, Veränderung zum Guten bedeuten, das ist wahr. Die größte Krise ist der Tod selbst. Wenn Krise in einem erschreckenden Gewand daherkommt, in Wirklichkeit aber ein Segen ist, der Veränderung zum Guten ermöglicht, inwieweit gilt das dann nicht auch für die größte Krise im Leben, den Tod?

    Ich möchte nicht missverstanden werden: da wir über medizinische Möglichkeiten verfügen, ist es ein Gebot der Menschlichkeit, sie auch anzuwenden.
    In diesem Sinne stehe ich auch zu den Maßnahmen die jetzt ergriffen werden. Als Ursache für diesen ganzen krisenmodus empfinde ich zugleich die große Angst vor allem was die Natur uns „antun“ kann .
    und diese große Angst empfinde ich als unnatürlich.

  2. Die moderne Pest oder die Seuche 2.0

    Wir erleben eine weltweite Katastrophe, die unsere Generation noch nie zuvor gesehen hat.

    Die meisten Menschen haben den Überlebenskampf vergessen, vor allem seit dem Ende der Weltkriege, weil die Lebensqualität weltweit ständig zugenommen hat. Krankheiten, Hunger und globale Konflikte galten als beendet.

    Nun teleportierte uns die Natur zurück ins 14. Jahrhundert, in die Zeit des „Schwarzen Tods“.

    Wie üblich wiederholt sich die Geschichte. Sie stammt aus dem Fernen Osten und hat in Italien hart zugeschlagen. Als dies zuvor geschah, wusste niemand, warum, aber man fand heraus, dass das Aufbewahren möglicher Infektionen auf engem Raum die Ausbreitung verminderte. Die Quarantäne, damals die „Quaranta“, ließ Reisende vierzig Tage lang an Bord von Schiffen warten.

    Die Pest war im isolierten Europa nicht endemisch, aber genau wie heute war auch das Europa des 14. Jahrhunderts ein Opfer des Einweghandels. Weg von der gemeinsamen Immunität im Osten. In so genannter Sicherheit erhielt Europa Krankheiten, manchmal durch Waren, manchmal durch Reisende, manchmal durch mongolische Reiter. Damals hinter hohen Mauern versteckt, heute hinter der Illusion eines sicheren Hafens. Aber die Natur ist der beste Lehrmeister aller Zeiten, und jetzt lehrt sie uns, dass unsere menschlichen Vorstellungen von Ethnizität, Reichtum, Zivilisation und Grenzen in den Augen der Natur nichts bedeuten. Auf jeden Fall wahre Gleichheit.

    Doch auch wenn sich die Geschichte wiederholt, wir, die gewöhnlichen Menschen, tun das nicht. Wir versuchen nicht, die gegenwärtige Seuche zu heilen, indem wir uns selbst um Erlösung peitschen oder Ärzte mit Vogelmasken, die mit Parfüm und Blumen gefüllt sind, anbetteln.

    Wir wissen jetzt, womit wir es zu tun haben.

    Auch wenn wir jetzt anders sind, sind wir alle gegen einen gemeinsamen Feind vereint.

    Auch wenn unsere Grenzen geschlossen sind, stehen wir heute mehr denn je in Kontakt miteinander.

    Jetzt, obwohl wir isoliert sind, verbringen wir mehr persönliche Zeit mit unseren Lieben.

    Wir kehren zu uns selbst zurück, und wenn wir in den Spiegel schauen, sehen wir mehr als nur unsere Haare und unsere Kleidung.

    Wir stellen uns die Frage, was wir wirklich brauchen, wen wir wirklich lieben und worauf es in unserem Leben wirklich ankommt.

    Am wichtigsten ist, dass wir erkennen, wie wertvoll Gesundheit ist.

    Und Toilettenpapier…

  3. Hallo Klara,
    nachdem ich länger nicht mehr den Blog besucht hatte, hat mir dein Vater diesen Text vorgelesen.
    Er gibt neue Denkansätze (Vielen Dank!) und ich habe ihn – nach Rücksprache mit deinem Vater – in unserem Betrieb als „Angebot“ veröffentlicht (unter Nennung der Autorin 😉 ). Dazu meine Gedanken als Präfix…

    In den letzten Tagen und Wochen erhalten wir über alle Medien laufend Informationen über den aktuellen Stand der Pandemie. Da schulen uns Virologen zu Nachwuchsmedizinern, stellen sich Politiker weltweit den immer gleichen Fragen der Journalisten. Es geht um Zahlen, Daten und (hoffentlich) Fakten, die uns persönlich zumeist betroffen machen.
    Und manchmal frage ich mich: Muss ich erst Radio, Fernsehen, Handy abschalten, um einmal auf andere Gedanken zu kommen…
    Es gibt sie aber noch, die anderen Sichtweisen. Wir sehen und lesen darüber in den sozialen Netzwerken, im Feuilleton der Zeitung.
    Sie mögen da und dort provozierend wirken. Manche Leser schütteln über „andere“ Ansichten mitunter den Kopf. Aber es bringt uns einmal auf andere Gedanken.

    Im Anschluss habe ich deinen Text veröffentlicht.

    Alles Gute – bleib gesund!

    PS: Ein Dankeschön wird auf den Weg gebracht.

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