Hué Part I

Also los. Wie bin ich zu diesen Wunden gekommen?

Vor zwei Tagen war es an der Zeit, Hoi An den Rücken zuzukehren und neue Gefilde zu erkunden. Nun ist es so, dass sich die Strasse von Hoi An nach Hue auf wunderschöne Art und Weise an der Küstenlinie Vietnams entlang und durch einen nicht zu verachtenden Gebirgszug schlängelt. Wer die Sendung Top Gear ab und wann mal verfolgt hat, erinnert sich vielleicht an die Vietnam Motorbike Challenge. Ja, das war genau die Strecke, von der ich gerade sprach. Also fassten wir folgenden Plan:

Motorisierte Gefährte leihen, unser Gepäck mit einem Kurier nach Hue schicken, und Dan & Stan auf der Strasse gen Norden Gesellschaft leisten. So wurde es gemacht. Morgens um 10 standen zwei voll automatische Motorroller vor unserem Hostel, glänzten bei 38 Grad in der Sonne und warteten darauf, von uns angeschmissen und ins nächste Staedtchen gefahren zu werden. 130km, 38 Grad und blauer Himmel. Kaum Wind. Wir balsamierten uns sorgsam mit unserem Sonnenschutz 50+ ein, klemmten uns in unsere Helme und fanden uns bald mit wehenden T-Shirts und Hosen auf einem Highway wieder, der uns direkt in Vietnams Berge führte. Es war herrlich.

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Wisst ihr, mit dem Motorroller fahren ist es wie mit so vielen Dingen im Leben. Man hat panische Angst davor, bis man es dann macht und merkt, dass es eigentlich kein Problem gibt. Ich erinnere mich an Sonjas & meine erste Fahrt mit dem TukTuk, bei der wir dachten, wir müssten vielleicht sterben, und dann war das TukTuk plötzlich ein ganz normales, sehr hilfreiches Fortbewegungsmittel für alle Lebenslagen. Anfänglich hatte ich riesige Angst, überhaupt auf ein Motorrad zu steigen, und sei es auch nur, um mitzufahren. Man hoert ja so Sachen, was den südostasiatischen Strassenverkehr angeht. Dann hab ich gemacht – kein Problem. Und schliesslich habe ich mich selbst an jenem Tag auf diesen Roller gesetzt und festgestellt, dass auch das nur halb so wild ist. Solange man nicht zu sehr darüber nachdenkt, versteht sich. Unter Aspekten der Sicherheit betrachtet müsste man das Rollerfahren in Vietnam natürlich tunlichst unterlassen, aber dann fährt man eben auch nicht Roller in Vietnam. Wer das eine will, muss das andere mögen und so weiter.

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Ich genoss es sehr. Alle paar Kilometer hielten wir an, kauften frisches Wasser, tranken eine Cola, machten ein paar Fotos von der wunderschönen Landschaft. Das Meer war tuerkisblau, der Wald saftig grün, wie wir es von Vietnam gewohnt waren. Mittag gab es bei einer alten Dame, die mit auffällig gekrümmtem Rücken am Strassenrand Nudeln mit Gemüse, gerösteten Erdnüssen und Rindfleisch am Strassenrand verkaufte. Natürlich ohne Rindfleisch für mich. War super lecker.

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Erste und einzige Zwischenstationen waren die Elephant Springs. Ein paar Kilometer vom Highway entfernt sind die ein super Frischwasser-Badeort (irgendwann geht einem das Salz in Haaren und Haut tierisch auf den Senkel) und wir wollten die Chance, uns da nach ein paar Stunden Fahrt ein bisschen Abkühlung zu verschaffen, natürlich nicht verpassen. Der „paar Kilometer vom Highway entfernt“-Teil des Plans wurde mir allerdings zum Verhängnis. In einer der Kurven fuhr ich sehr ungünstig über einen ebenfalls sehr ungünstig platzierten Stein von beträchtlicher Größe, rutschte aus, und legte mich mitsamt meines Rollers in den Schotter auf die Strasse. Bilanz: Beide Hände aufgeschürft, ein landkartengrosser blauer Fleck am Oberschenkel und – da bei unseren super Leihrollern die Tankdeckel nicht richtig schlossen – der Verlust der halben Tankfüllung. Es hätte schlimmer kommen, aber auch besser laufen können. Aber wenigstens sind die Roller, die man hier leihen kann, sowieso schon in einem so katastrophalen aeußerlichen Zustand, dass ein oder zwei Kratzer und Beulen mehr bei Rückgabe überhaupt keine Rolle spielen. Ich rappelte mich also auf, betrachtete den entstandenen Schaden, und machte mich wieder auf den Weg zu den Quellen. Wir wurden nicht enttäuscht. Lagen in Hängematten am Wasser, die Jungs tranken ein Bier, ab und wann liessen wir uns einfach ein bisschen im Schatten übers Wasser treiben, guckten uns die Berge um uns herum an und fragten uns, womit wir das nun eigentlich wieder verdient hatten. Dann ging es weiter.

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Beim Starten fing mein Roller an, schon etwas zickig zu werden. Der Schluesser liess sich nicht mehr richtig im Zuendschloss drehen, doch nach zwei, drei Versuchen lief das Ganze wieder. Das sollte sich bald aendern. Gute Backpacker die wir sind hatten wir uns entschieden, statt des direkten Highways die schoenere, aber leicht laengere Route zu nehmen. Leider war die Qualitaet beider Strassen vorher auf den Karten nicht wirklich erkennbar gewesen, sonst haetten wir us eventuell umentschieden. Etwa eineinhalb Stunden spaeter klapperten wir mit 30km/h durch die abgelegendsten Doerfchens Vietnams, was an sich eine tolle Sache war, waere da nicht das Gewitter gewesen, welches sich hinter uns langsam zusammenbraute. Der Himmel ueber den Bergen wurde immer dunkler, und bald durchzuckten Blitze ziemlich regelmaessig den mittlerweile daemmerigen Himmel ueber uns. Irgendwann ging es dann los: Regen. Wir hielten bei einem aelteren vietnamesischen Paerchen, das vor seiner Huette unter einem Vordach aus Wellblech sass, die Haende im Schoss gefaltet, und geduldig auf jemanden wartete, der eventuell eine Flasche Wasser oder ein paar der Kekse aus dem Regal neben ihnen kaufen wollen wuerde. Dieser jemand waren wir. Denn wir hatten erstens den Regen abzuwettern und zweitens seit gut fuenf Stundnen nichts mehr gegessen.

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Das Paerchen sprach kein Wort Englisch. Doch die Frau lachte uns freundlich an und schenkte jedem von uns unablaesslich Tee ein, waehrend der mann sich um unsere Verpflegung kuemmerte. Und so sassen wir da, eine halbe Stunde und lachten uns an, bis der Regen voruebergezogen war. Dann passierte das Dilemma.

Als wir wieder aufsteigen und weiterfahren wollten, erkannten wir zwei Dinge. 1.: Dans Honda hatte einen Platten vorne – als Esther damit die letzten Kilometer gefahren war, hatte sie einen Nagel erwischt. Und 2.: Mein Zuendschloss war kaputt. Mein Roller ging nicht mehr an. Beides eher schlechte Voraussetzungen fuer eine problemlose Weiterfahrt, und so arbeiteten wir uns 50 Meter weiter die Dorfstrasse entlang, bis wir einen winzigen Laden fanden, in dem ein Mechaniker an einigen Mopeds herumschraubte. Als er uns sah, grinste er breit. Europaeer mit Problemen. Immer eine sichere Einnahmequelle.

Die naechste Stunde verbrachte ich auf einem Betonboden sitzend, meinen Helm umarmend in die Leere starrend. Mittlerweile war uns allen mehr als klar geworden, dass wir Hue nicht mehr vor Sonnenuntergang erreichen wuerden – die Sonne ging naemlich bereits unter, und bis zu unserem Ziel dauerte es noch ca 1 1/2 Stunden. Ich rieb mich unablaessig mit Moskitospray ein und hoffte, noch am selben Tag diese vietnamesische Einoede wieder verlassen zu koennen. um 19:15 Uhr, eine viertel Stunde nachdem sich die Sonne gaenzlich zur anderen Seite der Erde verabschiedet hatte, fuhren wir weiter. In absoluter Dunkelheit, als Lichtquelle nicht mehr als das, was unsere Raeder zu bieten hatten, und als Strasse nur ein schlammiger Pfad durch Vietnamesische Waelder. Jetzt wollten wir alls nur noch ankommen.

Um 20:45 Uhr waren wir endlich da. Wie sich herausstellte, war ich mittlerweile auch dem vietnamesischen Grossstadtverkehr auf dem Roller gewachsen und so schoben wir uns durch immer kleiner werdende Strassen, bis wir schliesslich vor dem Serene Palace Hotel standen, in dem wir uns fuer die naechsten zwei Naechte einquartiert hatten. In diesem Sternehotel hatte ein Zimmer fuer vier Personen genau so viel gekostet wie uns separate Hostelbetten gekostet haetten, und das Fruehstueck war inklusive. Deshalb hatten wir uns dafuer entschieden, und waren damit nach diesem Tag mehr als gluecklich.

Ein Mal im Zimmer angekommen, wurde es nicht mehr verlassen. Wir hatten ein sauberes Bad, weisse, flauschige Bademaentel und Zimmerservice zu moderaten Preisen. Also wurde geduscht, (verdammt gutes) Essen ans Bett bestellt und schliesslich geschlafen.

Woher die erwaehnten Brandwunden kamen? Nun. Die Story muss noch einen Tag warten. Bis dahin!

 

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