Hanoi Part I

Um 05:30 Uhr erreichte ich Hanoi. Die groessere der beiden Brandwunden hatte mittlerweile einen eher besorgniserregenden Zustand erreicht, besonders im direkten Vergleich mit ihrer kleinen Schwester, und so humpelte ich aus dem Bus, weil mich jeder Schritt schmerzte. Dann liess ich mich von einem Taxifahrer abziehen. Ja, am und wann passiert es auch mir noch. Er hatte gesagt, wir wuerden mit Taxameter fahren, an sich immer ein besseres Zeichen als ein vorher vorgeschlagener Festpreis. Nur leider lief dieses Taxameter doch ueberdurchschnittlich schnell, was mir erst bei Ankunft auffiel, und so zahlte ich umgerechnet 8 Euro fuer 2,5 km Strecke – etwa das fuenffache des hier angemessenen Preises. Doch wie das immer so ist, wenn man das ausdiskutieren will (was ich netuerlich grundsaetzlich immer will) koennen die Taxifahrer ploetzlich gar kein Englisch mehr. Also zahlte ich widerwillig die 200.000 Dong, schulterte meinen Rucksack und trottete los richtung Hostel.

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Da hatte ich das grosse Glueck, dass mich der liebe Rezeptionist schon einchecken liess. Um 6 Uhr morgens! Das war mir noch nie passiert, sonst hatte ich immer unendlich muede Stunden im Aufenthaltsbereich der Hostels verbringen muessen, bis um 1 Uhr meinBett fertig beyogen war und ich endlich die im Bus verpassten Stunden Schlaf nachholen konnte. Nicht so in Hanoi. Ich betrat leise das Dorm, in dem noch alles schlief, deponierte all meine Habseligkeiten um meinen Kopf herum, stoepselte meine Ohren zu und entschwand ins Land der Traeume.

Um 09:38 Uhr wachte ich wieder auf, frisch und froehlich und bereit, den Tag in Hanoi in Angriff zu nehmen. Fruehstueck im Hostel gab es nur bis 09:30 Uhr, also schulterte ich meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zu einem veganen Yoga-Cafe in der Naehe. Dem Internet sei Dank. Dort angekommen gab es fuer mich Hausgemachtes Muesli mit Sojamilch und frischen Fruechten, einen frisch gepressten, gruenen Saft und zum Nachtisch ein Stueck Schokoladenkuchen. Schliesslich war es mittlerweile schon 11, die Mahlzeit also eher Brunch als Fruehstueck, und man goennt sich ja sonst nichts.

Ich hatte mir noch im Hostelbett einen Laufplan fuer den Tag zurechtgelegt. Meine naechste Station war das – nein Moment. Wer erraet es? Wer liesst meinen Blog schon SO lange, das er sich vielleicht daran erinnert, wohin es mich immer yuerst treibt, wenn ich alleine eine neue Stadt erkunde? Hm? Irgendjemand?

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Also gut, ich loese auf. Meine naechste Station war das Vietnam Museum of Fine Arts. Ein Kunstmuseum. Gratulation an alle, die richtig lagen. Da hielt ich mich auch erstmal die darauffolgenden zwei Stunden auf, wanderte durch die klimatisierten Raeume, setzte mich hier und da hin und betrachtete ein Kunstwerk laenger, wenn es mir besonders gut gefiel. Und grinste die ganze Zeit. Das fiel mir erst auf, als meine Gesichtsmuskulatur langsam zu schmerzen begann. Ich war allein. Endlich. Wieder. Allein. Es war so still, ich hatte so viel Zeit, ich konnte mir wieder selbst beim Denken zuhoeren. Niemand wartete auf mich, niemand erwartete irgendwas, niemand war gelangweilt, niemand wusste, wo ich gerade war. Ich war hier und blickte seit 10 Minuten auf dasselbe Gemaelde, auf welchem Ho Chi Minh mit wissendem Laecheln in einem satt bluehenden Garten stand. Und niemanden interessierte es. Grossartig.

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Zur vietnamesischen Kunst sei gesagt, dass sich Kommunismus und Vietnamkrieg auch hier als Leitmotive festhalten lassen. Die eine Haelfte der Kunstwerke aus dem 20. Jahrhundert zeigte irgendeine Form von Kriegszenerie, Vietkong, Panzer, amerikanische Truppen, uniformierte Kinder. Etwa ein Drittel der Kunst stellte Bauern dar, Ackerbau, oder Ho Chi Minh persoenlich. Selten Lenin. Das verbleibende Sechstel waren Frauenportraits. Nach zwei Stunden war ich durch, und wanderte weiter. Erkenntnis? Ich war bis jetzt in meinem Leben in zwei kommunistisch gepraegten Laendern. In Russland und in Vietnam. Und beiden haftet ein seltsames Gefuehl an, das ich nicht genau zu beschreiben weiss. Wie ein Grauschleier ueber allem. Es fehlen das Goennen, die Freude an den schoenen und manchmal nutzlosen Dingen des Lebens und die Ausgelassenheit. Nirgendwo sonst sieht man so viele Verbotsschilder, so viele Regeln, so viele muerrische Militaers mit Waffen in der Hand, die gelangweilt im Schatten eines Baumes an einer Mauer lehnen. Und ja, das gilt fuer Russland genau so wie fuer Vietnam. Ich habe mich oft gewundert, warum meine Mama, in der DDR gross geworden, so grossen Respekt vor der Polizei und vor Regeln hat. Langsam verstehe ich es, glaube ich. Und freue mich, dass ich in einem Land aufwachsen durfte, in dem mit das Ausdruecken meiner Meinung nicht die Zukunft verbauen koennte.

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Fragt man die Vietnamesen, sagen sie, Vietnam sei schon lange kein kommunistisches Land mehr. Zur Schule gehen koennen nur die, die es sich leisten koennen, die Bildungselite bleibt unter sich. Und trotzdem ist der Grauschleier da. Vielleicht ist er ein Austruck von Resignation.

Nachdem ich diese Erkenntnis gewonnen und in wenigen Stichpunkten in einem meiner zahlreichen Notizbuecher festgehalten hatte, spazierte ich weiter, zum „Temple of Literature“, dem Tempel der Literatur. Auf Tripadvisor und im Lonely Planet hoch gelobt, wollte ich ihn mir nicht entgehen lassen. Nun ja. Haette ich aber tun koennen. Mittlerweile leide ich an einer schweren Form von Tempelmuedigkeit. Sieht irgendwie alles gleich aus, und riecht nach Raeucherstaebchen. Ich drehte meine Runde und verschwand wieder. Next Stop: Ho Chi Minh Mausoleum.

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Da wollten sie mich nicht reinlassen. Es war wohl zu spaet, oder zu voll, ich bekam verschiedene Ausreden praesentiert. Das nervte mich leicht an, denn ich war gerade 30 Minuten durch die sengende Mittagshitze gewandert, um zum Mausoleum zu kommen. Ich machte ein paar Bilder und verkroch mich dann ins klimatisierte Ho Chi Minh Museum, um wenigstens noch ein bisschen Kultur zu machen. Auf dem Weg zum Eingang schallten aus mehreren Lautsprechern Propagandalieder, von deren Text ich immer nur eine Zeile verstand: „Oooooh Hoooo Chi Miiiiinh“ – die moegen den echt hier. Das bestaetigte sich auch im Museum. „Museum“, sollte ich vielleicht lieber schreiben. Es ist eigentlich ein einziger Lobgesang, ein Schrein fuer den Landesvater Onkel Ho, wie sie ihn nennen. Eine riesige Bronzestatue wacht in der marmornen Eingangshalle ueber jeden Besucher, und ich hatte ein bisschen das Gefuehl, dass sie meine antikommunistischen Gedanken hoeren konnte und mich dafuer mit einem strafenden Blick scholt. Nach einer Stunde war ich durch.

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Ich nahm ein Taxi zum Hostel (dieses Mal zu einer angemessenen Rate) und ruhte mich ein bisschen aus. Diese Hitze zwingt einen manchmal einfach ins Bett. Irgendwann bekam ich Hunger, und das Internet (I love it!) verriet mir, dass nur drei Gehminuten von meinem Hostel ein rein veganes Restaurant auf meinen Besuch wartete. Ha! Jackpot. Es ging los. 17:30 Uhr, heute meine Abendbrotszeit.

Ich sass alleine an meinem Tisch, ass vegane Quiche und zum Nachtisch Schokokeks und Lavendeleis – wundervoll. Ich hatte eigentlich nur zwei Sorgen. 1. hatte ich den ganzen Tag noch nicht so richtig mit irgendjemandem gesprochen, und 2. war ich mir noch immer nicht sicher, wie ich meine Tour durch die Halong Bucht organisieren sollte. Doch wie das immer so ist, Maktub! (Es steht geschrieben, googelt das mal, ist ne Lebenseinstellung, die sehr gluecklich macht). 15 Minuten spaeter sass gegenueber von mir: Claudia. 19 Jahre alt, aus den USA, vegan. Hatte gerade das College geschmissen um nach Hawaii zu ziehen ud dort zu lernen, wie man Ayurvedisch Essen anbaut und zubereitet. Hier in Suedostasien nahm sie an einem Hilfsprojekt teil. Und wir verstanden uns so verdammt gut, dass wir drei Stunden lang versackten.

Auch Claudia hatte sich gerade von den Leuten getrennt, mit denen sie vorher unterwegs war, weil die zu viel Party gemacht und sie wieder getrunken hatte. Auch Claudia hatte keinen Bock auf dieses Tourismus-Ding, liebte Wandern, hatte ein Faible fuer Nachhaltigkeit, gutes Essen und Reisen. Und noch hundert andere Dinge waren gleich, doch die kann ich hier nicht alle aufzaehlen. Irgendwann nippte Claudie an ihrem Tee und guckte mich dann ueber den Rand der Tasse hinweg an.

„Du hast eine alte Seele, hat dir das schon mal jemand gesagt?“

Sie stellte die Tasse ab und wartete auf meine Antwort.

Ob mir das schon mal jemand gesagt hatte? Aeh, nein?! Das hatte ich nur die letzten zwoelf Monate in etwa jeden Abend gedacht, als ich ins Bett gegangen war.

„Ja, doch doch. Alte Seele. Du bist Waage, oder? Ich hab das so im Gefuehl. Ich naemlich auch. Deswegen waren wir auch mit den falschen Leuten unterwegs. Wir sagen lieber nichts, sitzen dann alleine mit unserem Buch in der Ecke und sind der Langweiler der Gruppe, bevor wir irgendwen mit irgendetwas konfrontieren. Weil wir keinem vor den Kopf stossen wollen.“

Ich dachte an den Abend, an dem Stan, Dan und Esther eine wilde Kissenschlacht veranstaltet hatten und ich auf den Balkon verschwunden war, um in ruhe in „Der Zahir“ von Paulo Coelho lesen zu koennen. Claudia trank noch einen Schluck Tee.

„Maktub.“ sagte ich, weil das das beste war, was mir in diesem Moment einfiel. Jetzt nochmal ausfuehrlich fuer euch: „Maktub“ ist Arabisch und bedeutet „Es steht geschrieben.“ in dem Sinne, als dass alles, was passiert, vorherbestimmt ist. Es beschreibt, dass das Universum oder Gott oder was auch immer weiss, was passieren wird, dass alles einen Sinn hat und alles ganz sicher immer gut wird – wenn man daran glaubt. Claudia guckte fragend.

Ich erklaerte ihr also, was Maktub bedeutet und legte ihr dann das Buch ans Herz, in welchem ich ueber Maktub gelesen hatte und welches ich bis jetzt fuer das beste Buch halte, das jemals geschrieben wurde. „Der Alchimist“ von – wie koennte es anders sein – Paulo Coelho.

„Das da?“

Okay Freunde, dann wurde es gemischt. Aber neben uns, in dem kleinen Buecherregal an der Wand in dem veganen Restaurant in dem wir gerade sassen, stand, in leuchtend orangenem Umschlag, „Der Alchimist“ von Paulo Coelho.

„Das da.“

„Ich werds lesen, versprochen.“

„Sehr gut.“

Um 20:30 Uhr schlenderten wir aus dem Restaurant in den Regen. Claudia musste zurueck in ihr Hostel, ihr Flieger nach Thailand ging am naechsten Morgen um 6 Uhr, und ich war auch nicht mehr gerade fit. Ich telefonierte noch kurz mit meinem Papa, legte mich in mein Hostelbett und stellte zum wiederholten Male fest:

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben.

1 Kommentar

  1. Wahnsinn. Wie haben wir die alte Seele nur in dich hineinbekommen? Es wird ein Rätsel bleiben. So ist das mit den Dingen zwischen Himmel und Erde.

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