Sapa

Sapa. Oh du mein geliebtes Sapa. Ich habe so viel zu erzählen, dass ich gar nicht weiß, wie ich das jemals alles in einen Blogpost quetschen soll. Aber ich fange einfach mal an.

Nach Rückkehr aus der Halong-Bucht verbrachte ich zwei entspannte Nächte in Hanoi. Ich ließ den Arzt ein drittes Mal meine noch immer offene Bandwunde begutachten und verbrachte meine Zeit mit den drei Australiern, erzählend, essend, über den Brexit diskutierend. Denen werde ich wohl bald mal einen Besuch abstatten müssen.

Eines Morgens ging es dann weiter nach Sapa. Um 7 Uhr startete mein Bus und spuckte mich um 12:30 Uhr, nach ungewohnt kurviger Fahrt durch die Berge (Druck auf den Ohren inklusive) in Sapa wieder aus, wo ich ein Taxi zu meinem Hostel nahm. Als ich meinen Schlafsaal betrat, war mir mal wieder schlagartig klar, dass ich eine gute Entscheidung getroffen hatte. Hier der Blick aus der Fensterfront des Zimmers:

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Auf der Dachterasste, wo es essen gab, bot sich mir derselbe Anblick. Viel edler kann man wohl nicht wohnen. Und das alles für 5 Dollar die Nacht, Frühstück und W-Lan inklusive. Ich liebe Vietnam. Trotzdem hatte ich einen massiven Durchhänger und begann, den letzten Blogeintrag zu tippen, telefonierte mit meinen Eltern und lag dann auf meinem Bett, starrte gen Himmel (oder besser: gen Lattenrost über mir) und fühlte mich elend. Bis ich mich fragte, was ich da eigentlich gerade machte. Dann wanderte ich los. Ich musste was unternehmen.

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An dieser Stelle möchte ich nochmal ein ganz großes Dankeschön anbringen, ein Dankeschön an alle, die so lieb kommentiert oder mir eine Nachricht geschickt haben. Das war nicht der Grund für meinen letzten Blogpost, aber ich habe mich natürlich unendlich gefreut. Es ist großartig zu wissen, dass zu Hause so viele Menschen sitzen, die in Gedanken mit mir mitreisen. Hammer! Ihr rockt! Danke für alles.

Sapa gefiel mir von Anfang an. All die Bergvölkchen in traditioneller Kleidung, all der Trubel und die wenigen Touristen führten in Kombination mit den angenehmen 23 Grad, die hier herrschten dazu, dass ich mich eigentlich ganz wohl fühlte. Ich hatte ein Ziel: Sapa O Chau. Ich wollte eine Wandertour buchen. So eine echte. Mit den echten Einheimischen, ohne Massentourismus durchs vietnamesische Hochland. Also machte ich mich auf die Suche.

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Auf dem Weg kam mir eine vietnamesische Familie etgegen, sah meine Kamera und hielt mich dazu an, doch bitte ein Foto von ihnen zu schießen. Was mich natürlich leit verwunderte, doch ich ließ mich natürlich nicht lumpen, schoss also ein Foto und zeigte ihnen das Ergebnis. Sie nickten zufieden, lachten mich an, winkten und zogen von Dannen. Hier das Egebnis:

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Bei Sapa O Chau angekommen (eine gemeinnützige Organisation, die die hier lebenden Minderheiten unterstützt und als Non-Profit operiert) zahlte ich 50 US-Dollar, um am nächsten Morgen mit einem Guide und vier Mitwanderern durch die Berge starten zu können. Zwei Tage Bergwandern mit Übernachtung bei einer Familie in den Reisfeldern. Genau mein Ding. Voller Vorfreude machte ich mich wieder auf den Weg ins Stadtzentrum, aß sehr früh zu Abend und schlief dann selig ein.

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Am nächsten Morgen ging es los. Ich hatte alles, was ich für eine Übernachtung brauchte, in meinen kleinen Fjällräven-Rucksack gepackt, ein treuer Begleiter auf jeder meiner Reisen, und meinen großen Rucksack beim Auschecken im Hostel stehen gelassen. Im Café von Sapa O Chau traf ich meine Gesellschaft für die kommenden zwei Tage. Richard aus England mit seiner Frau Maja aus Israel sowie Lonneka und Evelin aus Amsterdam. Richard und Maja hatten beide jahrelang in Non-Profits gearbeitet, in den USA, Malawi und zuletzt vier Jahre in Tel Aviv gelebt. Lonneka arbeitete für den Niederländischen Staat, und Evelin war PR-Consultant in einer Agentur in Amsterdam. So viel also zu den Eckdaten. Und niemand war jünger als 28. Gute Voraussetzungen.

Um 09:30 Uhr wanderten wir los. Und – was kann ich sagen. Es war ein Traum. Punkt. Reisfelder, ewig hohe Gebirgszüge, an deren Gipfeln die Wolken wie Zuckerwatte hängen blieben. Über Flüsse und Bäche, durch Dörfer, mitten in das echte Landleben Vietnams. Ich habe zu viel gesehen, als dass ich es noch adäquat in Worte zu fassen wüsste. Hier also das Bildmaterial, mit entsprechenden Erläuterungen.

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Jenes, für das ungeübte Auge unscheinbare Bild, zeigt eine Hanfplantage.

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Kurze Erklärrunde: In diesen Fässern entsteht das Indigo, mit dem die Bergvölker ihre Kleider schwarz färben.
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Ein Bauernhaus.
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Einer der vielen Hunde. Den gibts erst nächstes Jahr, ist noch zu jung, habe ich mir sagen lassen.

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Hier werden die Hanffasern verarbeitet.
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Ein kleiner Tofudieb, auf frischer Tat ertappt.

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In Vietnam ist keine Straße zu eng für irgendwas.

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Mittag gabs mit Aussicht.
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Vor jenen Tieren hat hier keiner Respekt. An einer Stelle musste die etwa fünfjährige Tochter des Hofes mit einem Stock bewaffnet den Bullen in den Stall scheuchen, damit der Weg wieder für uns frei war.

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Er ist bald schlachtreif. Ich will euch nur mal zeigen, dass viel falsch läuft, wenn man Fleisch isst, und dass wir in Deutschland Unterschiede machen, wo eigentlich keine sind.

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Solche Käfige hingen auch in Hanoi in vielen Cafés und Wohnhäusern. Ein Radio-Ersatz.
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Auf der Straße die Autos und wir, auf dem Bürgersteig wird das Abendessen zubereitet. Den Leuten nehme ich es hier nicht übel. Aber uns. Uns in Europa nehme ich es übel. Guckt es euch bitte an. Das ist doch falsch.
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Dan hingegen ist einfach wunderschön.

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Um halb fünf, nach sechs Stunden Wanderung und einer Stunde Mittagspause kamen wir an unserem Homestay an. Homestay heißt, dass einem die Einheimischen hier freundlicher weise ein Schlafplätzchen in ihrem bescheidenen Heim anbieten, um sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen, im Gegenzug bekommt man Einblick in das echte, vietnamesische Landleben. Und die bekamen wir. Ganz sicher.

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Das Haus war ein riesiger, fensterloser, dunkler Raum, in dem alles Leben stattfand. In einer Ecke standen Betten, in einer anderen ein Motorrad, in der nächsten das Feuerholz. Die „Küche“ war nicht mehr als ein badewannengroßer Zuber aus Beton, in dem sich Frischwasser sammelte, neben einem Haufen Geschirr und einer kniehohen „Arbeitsfläche“. Gleich daneben stand ein riesiger Metalltopf auf einer Feuerstelle und dampfte gemütlich vor sich hin. Das war Heißwasser. In der Mitte des Raumes gab es eine weitere Feuerstelle, leicht ummauert und nicht höher als 30cm, den Herd des Hauses, und an einer der Außenwände befanden sich zwei Holzfässer zum Baden, ein einsamer Duschkopf, ein Waschbecken und das Klo, alles nur durch schulterhohe Mauern und ein paar Vorhänge vom Rest des Geschehens abgeschirmt. Ab und wann lief ein Hund, eine Katze oder eine Hand voll Hühner an einem vorbei, oder eines der zwei kleinen Kinder, die interessiert um uns Fremde herumturnten um sich im nächsten Moment schüchtern hinter ihrer Großmutter zu verstecken. In dem Haus lebten 9 Leute. Die Herrin des Hauses (45), wie alle anderen Frauen auch in traditionlle Kleidung gehüllt, und ihr Ehemann (?) hatten vier Kinder, von denen drei noch bei ihnen wohnten. Die älteste Tochter (24) mit ihrem Ehemann (20) und den zwei Kindern (3 und 5 – junger Vater, wenn ihr mich fragt), der einzige Sohn (20) mit seiner Ehefrau (24 – wiederkehrendes Schema) und die jüngste Tochter (11). Alle wohnten unter einem Dach, schliefen im selben Raum, und schienen keine Ambitionen zu haben, daran irgendwas zu ändern. Neben dem Homestay waren die Handarbeit der Mutter und die Orchideenzucht ihres Mannes die Haupteinnahmequellen, ab und wann wurde Fleisch von den eigenen Tieren verkauft. Auch das von den Hunden. Jeder Hund, den man hier auf dem Land sieht, wird irgendwann gegessen. Das sind keine Haustiere. Was ich ganz schrecklich finde. Ist ja ganz klar. Allerdings nicht viel schrecklicher als ein geschlachtetes Schwein oder eine tote Kuh. Irgendwie sind die hier ja zumindest konsequenter mit ihren Moralvorstellungen als wir.

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Nachdem wir alle eine Tasse Tee auf der Terasse genossen hatten, wurden wir, einer nach dem anderen, zum Kräuterbad in den Holzfässern gebeten. Jeder nahm dankend an, bis auf mich, denn ich konnte mit meiner infizierten Brandwunde noch immer nich lange im Wasser bleiben. Also wurde mir ein Kräuter-Fußbad angeboten, und das konnte ich nach einem langen Wandertag natürlich nicht ablehnen. Wie sich herausstellte war auch das wieder Glück im Unglück gewesen, denn so konnte ich eine halbe Stunde lang, mitten im Raum unbehelligt auf einem Hocker sitzen, die Füße in etwas, was aussah und sich anfühlte wie Tee, und dem Bunten treiben im Haus zusehen, während meine Mitreisenden vor dem Haus saßen und sich unterhielten. Das war besser als jedes Kino. Ich war mittendrin statt nur dabei, fühlte mich ein bisschen wie in einem Freilichtmuseum, nur, dass es eben keines war, sondern ein echtes Bauernhaus in Nordvietnam. Ich grinste. Wunderschön.

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In der Küchennische weidete der Vater zwei Fische aus, die für mich wie Karpfen aussahen, wusch sie in einer Metallschale sauber und leerte das blutige Wasser dann auf dem Boden des Hauses aus. Dann machte er sich mit krummem Rücken daran, das Gemüse auf einem dicken Holzbrett in dünne Streifen zu schneiden. Um den Herd saßen Tochter und Schwiegertochter, unterhielten sich angeregt und wendeten von Zeit zu Zeit die Frühlingsrollen, die gerade im heißen Fett frittierten, oder rührten in einem großen, rostigen Topf. Wenn ein Gericht fertig war, wurde mit einem Stück Bambus etwas Glut unter dem Herd hervor auf den Betonboden gekehrt und der Topf mit den garen Speisen darauf abgestellt. Das wurde so oft wiederholt, bis den kleinen Herd 5 Töpfe umringten, um die der kleine Enkel fröhlich herumhüpfte und sein Holzschwert über seinem Kopf kreisen ließ. Ein Holzschwert scheint international beliebt bei kleinen Männern.

Um halb 9 gab es Essen. Ein Festmahl, wie es sonst nur zu Hochzeiten auf dem land serviert wird, ließen wir uns vom Guide erklären. Es gab Reis, denn den gibt es hier zu jeder Mahlzeit, und dazu acht verschiedene Gerichte. Frühlingsrollen, gebratener Kohl, Gurken mit Ingwer, Fischsuppe, Hähnchen, Tofu, Schwein und so weiter. Wir aßen, alle um einen kniehohen Fleisentisch auf kleinen Plastikhockern sitzend, während der Hausherr unablässig aus einer kleinen, silbernen Teekanne selbstgemachten Reiswein einschenkte. Wir dachten erst, wir könnten es schaffen, als seine Frau sagte, dass wir heute alles austrinken müssten, aber als die Kanne das erste mal geleert war und der nette Mann sie  aus einer vollen Zweiliterflasche, die er unter dem Tisch deponiert hatte, nachfüllte, war allen klar: Das wird ein harter Abend. Ich gab nach 2 kurzen auf, weil ich wusste, dass ich sowieso irgendwann das Handtuch schmeißen müsste, also wollte ich es lieber früher als später tun. Auch, wenn uns versichert wurde, dass jener Reiswein keinen Kater verursacht. Ich traute der Sache nicht. Alle anderen hielten sich wacker, und unsere Gastgeber erdachten einen um den anderen Grund, um nochmal anzustoßen. Aufs Essen, auf den Besuch, die Gesundheit, den Tisch, um dem Guide zu danken, um den Gästen zu danken, um den Gastgebern zu danken. Dann nur die Männer, dann nur dir Frauen, dann mit den veschiedenen Übersetzungen für „Prost“, die unsere multikulturelle Gesellschaft zustande brachte.

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„Wir sagen: Prost!“ sagte ich zu den Mutter, die mich anstrahlte und sogleich ihr Glas hob.

„PO!“ rief sie und stürzte ihren Reiswein.

Das war nicht gelaufen wie geplant. Ich hatte irgendwie verdrängt, dass die Vetnamesen es ja nicht so haben mit harten Lauten. „Po!“ lachte ich und tat so, als hätte ich auch was im Glas. Ich glaube, die Dame mochte mich irgendwie.

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Nach dem Essen fielen wir alle fix und fertig in unsere Betten. Als ich da so lag, auf meiner klammen Matratze unter meiner klammen Decke, geschützt von einem blauen Moskitonetz, das ich an allen vier Seiten unter meine Matratze gestopft hatte, hörte ich nichts weiter als das Rauschen des Winds in den Bäumen, den Bach vorm Haus, die Grillen in den Bäumen und das gemütliche Blubbern der Wasserpfeife aus Bambus, über welche hinweg sich der Guide und unser Gastgeber noch angeregt auf Vietnamesisch unterhielten. Dann schlief ich ein.

Meine Ohropax brauchte ich erst, als der Hahn um 3:30 Uhr morgens im Hühnergehege, von welchem wir nur durch eine verblasste blaue Plane getrennt waren, ohrenbetäubend zu krähen begann. Er krähte, und jeder Hahn im Tal schien zu antworten. Ich verdichtete meine Ohren, blendete die jetzt dumpfen Schreie aus, und schlief weiter, bis um 7. Neun schöne Stunden Schlaf. Herrlich.

Zum Frühstück gab es für meine Mitreisenden Pancakes mit Bananen, für mich sowie für den Rest der Familie Reis mit Kohl. Sollte mir recht sein. Bis zur Abreise blieb uns noch etwas über eine Stunde, und so bewunderten wir alle die Stickereien, welche, von der Hausherrin selbst gefertigt, feil geboten wurden. Ich hatte ja schon länger gedacht, dass es langsam mal an der Zeit wäre, mir eines dieser Armbänder zuzulegen, von denen jeder Reisende dutzende zu tragen scheint, einfach, um mich als dazugehörig auszuweisen, hatte mir aber vorgenommen, auf den richtigen Moment zu warten. Der war jetzt, wie ich fand. Und so baumelt jetzt an meinem linken Arm ein schwarzes Armband, weiß bestickt mit etwas, was, wie mir die Dame erklärte, eine Reihe Reis symbolisiert. Wie passend.

Als wir da also alle so saßen und unsere Errungenschaften begutachteten, schleppte unsere Gastgeberin zwei der Trachten an, die sie und ihre Töchter trugen. Schwarze, weite Stoffhosen, weite Stoffjacken ohne Knöpfe, einen langen Stoffgürtel und ein rotes Kopftuch, alles reich bestickt mit den filigransten Kreuzsichstickereien, die ich jemals gesehen hatte. Ich konnte mich gar nicht richtig wehren, drei Minuten später hatte mich die Dame mit fünf geübten Handgriffen ihrem eigenen Aussehen angeglichen. Sie trat einen Schritt zurück und gebutachtete ihr Werk, die Hände in die Hüften gestützt. „Dep!“ sagte sie, nickte zufrieden und strich eine Falte an meiner Jacke glatt. Ein bisschen Vietnamesisch habe ich ja doch aufgeschnappt, und „dep“ heißt „hübsch“, wie ich gelernt habe. Nun ja. Es gab im ganzen Haus keinen Spiegel, aber schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des betrachters.

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Diese Tracht war jedenfalls eines: Unendlich bequem. Ich wollte sie gar nicht mehr ausziehen. Und so schlendete ich barfuß in meinen Hanfkleidern durchs dunkle Haus und erntete verwunderte Blicke vom jüngsten Familienmitglied, welches, den Fuß eines Stofftieres im Mund, mit großen Augen jeden meiner Schritte beobachtete.

Irgendwann war der Spaß vorbei und ich legte alles, was mir angezogen worden war, wieder ab. Es war Zeit, zu gehen, doch ich wollte vorher noch Namen und Adressen unserer Gastgeber aufgeschrieben wissen. Man weiß ja nie, was kommt. Ich drückte der Dame also mein Notizbuch und einen Stift in die Hand, beides reichte sie sofort an ihren Mann weiter. Sie konnte nicht schreiben. Ihr Mann hingegen schon, wenn man das so nennen will. Es kostete ihn 15 volle Minuten, den Namen seiner Frau, seinen Namen, Adresse und Telefonnummer niederzuschreiben. Das sah dann alles auch eher aus, als hätte es ein Grundschüler festgehalten, und die Art, wie er schrieb, glich eher dem Malen auswendig gelernter Formen. Die beiden werden wohl auch nicht zu oft schreiben. Ich bekam jedenfalls meine Kontaktdaten und war glücklich. Wir schulterten unsere Rucksäcke, winkten den Kindern zum Abschied und wanderten weiter gen Sonne.

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Jener Tag war gestern. Wir hatten kein allzu großes Stück mehr zurückzulegen. Am ersten Tag waren wir so steile Berge hinauf- und wieder herabgeklettert, dass wir in 6 Stunden strammen Wanderns nur 16 Kilometer zurückgelegt hatten. Am zweiten Tag warteten nur 8km bergab auf uns. Wieder sah ich wundersame Dinge. Von Nebel bedeckte Reisfelder, vietnamesische Bauern, die Bullen vor sich hertrieben, während sie knietief durch die nassen Reisterassen wateten, nackte Kinder, die am Straßenrand mit Vögeln in Käfigen spielten.

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Der Junge hielt sich diesen Vogel an einer Plastikschnur, damit er abends sein Zimmer frei von Insekten hält.

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Um zwei Uhr nachmittags hatten wir die Hauptstraße erreicht. Durchgeschwitzt, müde und glücklich ließ ich mich auf den Rücksitz des Taxis fallen, das uns wieder zurück nach Sapa bringen sollte. Ich hatte nichts mehr geplant außer zu essen und tiefsinnig dreinblickend den Ausblick von der Terasse meines Hostels zu genießen, bis die Sonne untergeht. Doch eine Streicheleinheit für die Seele hatte das Universum noch in petto.

Sarah aus Marokko. Mit der kam ich ins Gespräch, als ich da so tiefsinnig dreinblickend auf der Terasse saß, wie ich es mir vorgenommen hatte. Sie war Investmentbankerin in Paris gewesen, hatte dann die Schnauze voll gehabt von all dein konsumgetriebenen Menschen und war an die Elfenbeinküste gezogen, um dort für eine Gemeinnützige Organisation zu arbeiten. Das hatte sie nach drei Jahren frustriert, weil sie nicht allen so helfen konnte, wie sie es gerne gewollt hätte, also hatte sie vor kurzem alle Zelte abgebrochen und war nach Vietnam geflogen, ganz spontan. Wir sprachen über den Islam und das Christentum, Paulo Coelho und das Konzept von Maktub, unser beider Reisepläne für den Iran und Israel, darüber, was falsch ist in der Welt und über unsere Ideen, wie man es besser machen könnte. Drei Stunden lang saßen wir da und erzählten über so viele Dinge, über die ich so lange mal mit jemandem sprechen wollte, die aber niemanden so recht interessiert hatten. Maktub.

Um sieben ar es dunkel und Sarah musste zum Bus, sie würde in den nächsten Wochen gen Süden Reisen und dann nach Kambodscha fahren, meine Route also in entgegengesetzter Richtung abarbeiten. Wir tauschten Mailadressen aus und umarmten uns zum Abschied.

Dann ging ich zurück in mein Hostel, legte mich in mein Bett, und hörte die letzten zweieinhalb Stunden meines Hörbuches, bevor ich irgendwann einschlief.

2 Kommentare

  1. Solche Reisterrassen und Ethnien kenne ich aus dem Norden von Luzon/Philippinen und erinnerte mich an meine dortigen Wanderungen.
    Leider wurden auch dort Hunde gegessen…. Eben sehr ähnlich.
    Liebe Grüsse!

  2. Liebe Klara,ich erfreue mich sehr an Deinen eindrucksvollen Berichten und den phantastischen Fotos.Und ich bewundere Deinen Mut,so allein durch die uns so fremde Welt zu ziehen.Gut auch,daß Du immer wieder aufMenschen triffst,mit denen Du reden kannst über Gott und die Welt.Hab´s weiterhin gut und sei behütet !
    liebe Grüße Rosemarie Wendenburg

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