Helsinki: Ich bin dann mal weg, Part II

Die Nacht war kurz. Aus irgendeinem Grund scheinen Finnen ein unterdurchschnittlich kleines Schlafbedürfnis zu haben, vielleicht liegt das am kontant hohen Koffeeinspiegel im Blut. Jedenfalls war ich am Morgen die Einzige, die leicht verknittert am Frühstückstisch saß und sich bereitwillig eine Tasse, dunklen, bitteren, belebenden, finnischen Kaffees in ihre viel zu kleine Kaffeetasse einschenken ließ. Der Porridge war lecker, genau so wie Brote und Aufsrich, und ich genoss das gemütliche Beisamensein, währdens Juho in regelmäßigen Abständen besorgte Blicke aus dem Fenster warf. Es regnete.

„Es regnet.“ grummelte Juho. Ich nickte, gähnte, und wandte mich wieder meinem dampfenden Frühstück zu. Da ich nicht wusste, wie die Pläne für den vor uns liegenden Tag aussahen, blickte ich der Großwetterlage doch sehr gelassen entgegen.

„Nun ja. Kommt, wir ziehen uns an.“ Ich folgte brav den mir gegebenen Anweisungen, auch, weil mein Hirn noch nicht so recht zu viel Eigenleistung in der Lage zu sein schien. Ich stülpte mir meine Outdoorhosen über, packte mich in meine Regenjacke, schnürte die Wanderschuhe zu und schlurfte auf den Rücksitz von Juhos Auto. Dicke Regentropfen verschleierten die Sicht auf die Straße. Juho und Johanna diskutierten aufgeregt, was auch immer gerade auf uns zukam. Natürlich auf finnisch. Nach zehn Minuten reichte es mir.

„Also gut Freunde“ meine Outdoorhosen raschelten, als ich mich entschlossen nach vorn Beugte und meinen Kopf zwischen die beiden Vordersitze des Autos steckte „was haben wir denn vor.“ Juho guckte Johanna an, Johanna guckte Juho an, die beiden wechselten ein paar Worte in der mir nach wie vor ziemlich fremden Sprache, dann richtete Juho seinen Blick auf den Rückspiegel und damit auf mich.

„Du wanderst doch gerne. Und wir wissen natürlich, dass du gerne wanderst. Deshalb wollten wir mit dir in den Nuuksio-Nationalpark fahren, da wandern und zum Mittag ein Feuer machen und ein paar Würstchen grillen…“ Johanna unterbrach. „Ich habe vegane Würstchen dabei! Und Blätterteigtaschen mit veganem Mett. Und ein paar Tomaten und Bananen, damit auch was frisches dabei ist.“ „Nur leider“ fuhr Juho fort „sieht das Wetter nunmal so aus.“ und er nickte in Richtung Frontscheibe, wo nach wie vor dicke, runde Regentropfen nach Aufprall lautstark in feinen Sprühnebel zersprangen. „Deshalb“ Juho richtete seinen Blick wieder auf mich „fahren wir jetzt erstmal ins Haltia.“ Und das taten wir.

Das Haltia ist ein neues und sehr modernes Naturzentrum im Nuuksio, ich würde es die moderne Interpretation eines finnischen Naturkundemuseums nennen. Es roch nach Torf und frisch geschnittenem Holz, die 3D-Installationen waren atemberaubend schön, im Hintergrund zwitscherten Vögel, röhrten Hirsche, heulten Wölfe. Nach einer Stunde hatten wir alles gesehen, ich hatte mir drei neue finnische Vokabeln angeeignet und – oh Wunder – es hatte aufgehört zu regnen. Maktub.

Einige wenige Kilometer weiter die Straße runter stellte Juho das Auto ab und schulterte den Rucksack, während Johanna auf Finnisch Anweisungen gab und ich etwas verloren in der Gegend herumstand. Ich kannte den Ort. Ich war hier schon mal gewesen. Dann wanderten wir los. Und mir fiel wieder ein, weshalb mir das alles nicht ganz neu vorkam.

Mein erster Besuch im Nuuksio, im Oktober 2014 mit meiner Erasmus-Gruppe, hatte genau hier begonnen. Ich wollte nicht so recht glauben, dass das jetzt schon üner zwei Jahre her war. War es aber. Umso fröhlicher stimmte es mich, dass ich jetzt endlich wieder durch den dichten Nadelwald mit seinen kleinen Bächen und mosbewachsenen Böden spazieren durfte. Ich stoppte hier und da, ließ mir die Bezeichnungen veschiedener Pflanzen und Felsformationen auf Finnisch vorsagen und sprach sie dann gleich eines dreijährigen Kindes brav nach. Dann bekamen wir Hunger.

An einer überdachten Feuerstelle fanden wir Glut, legten ein bisschen frisches Feuerholz  nach, welche wir vorher von einer Holzsammelstelle mitgenommen hatten und ließen uns auf den vom Regen verschont gebliebenen Teilen der Holzbänke nieder – mit Blick auf den See. Johanna packte die veganen Würstchen aus, und die Teigtaschen und platzierte alles auf dem Grillrost. Juho wärmte sich eine klassische Bockwurst am Spieß auf. Und so saßen wir da, unterhielten uns über Gott und die Welt und ließen es uns einfach so richtig gut gehen. Wenn ihr mich fragt, kann ein Sonntag nicht viel besser laufen.

Zwischendurch gesellten sich kurz zwei Austauschstudenten zu uns, der eine war Deutscher, das erkannte ich an seinem Akzent im Englischen. „Der ist deutsch.“ sagte ich zu Johanna auf Finnisch und fühlte mich dabei sehr einheimisch. Irgendwann fragte ich ihn auf Deutsch, woher er denn käme.

„Ach. Du bist auch deutsch?“

„Jip.“

„Ich komme aus Berlin! Und du?“

„Aus dem Harz. Aber ich studiere gerade auch in Berlin!“

„Aber nicht an der HWR, oder?“

„Äh – doch…?!“

„Witzig! Ich auch!“

und so kam es, dass mir diese verrückte Welt ein weiteres Mal bewies, wie klein sie denn eigentlich war, als ich mitten im Nuuksio-Nationalpark in Finnland eine vegane Wurst verspeiste und mir ein Austauschstudent von meiner Berliner Uni gegenübersaß.

Nachdem das Feuer gelöscht und unsere Bäuche gefüllt waren, folgte ein kurzer Verdauungsspaziergang, bevor wir uns dem nächsten Projekt widmeten: Kirche gucken. Juho und Johanna heiraten nächsten Sommer, und ich sollte nun schonmal im Voraus die Kirche besichtigen. Nichts lieber als das! Und es war wirklich eine schöne Kirche, keine Frage. Ich freue mich wahnsinnig auf die Hochzeit im nächsten Jahr, allein unter Finnen – das kann nur lustig werden!

Obwohl niemand von uns Hunger hatte, war unser nächster Stop ein weiteres Mal die Wohnung von Juhos Eltern, um ein weiteres Mal das vegane Weihnachtsmenü zu genießen – um halb fünf Uhr nachmittags. Warum? Tja. Wusste der Geier. Offenbar war für 18:00 Uhr „die coolste Überraschung überhaupt“ geplant. Ich sage euch, so viele Überraschungen wie dieses Wochenende hatte mein ganzes Leben bis dahin nicht bereitgehalten.

Obwohl.

Nein.

Streicht das.

Nehme ich sofort zurück.

Habt ihr schon mal was von einem Trampolinpark gehört? Nein? Na, dann habt ihr aber ordentlich was verpasst im Leben, liebe Freunde. Das war sie nämlich, unsere letzte Aktion des Tages: Der Besuch eines Trampolinparks. Ich umreiße kurz: Man zieht sich Sportklamotten an (ich war vor meiner Abreise angewiesen worden, jene mitzubringen), bekommt Anti-Rutsch-Socken und betritt dann eine riesige, RIE-SI-GE Halle voller – wer hätte es geahnt – Trampoline. Große, kleine, Mittlere, waagerecht, senkrecht an den Wänden. Und dann hüpft man was das Zeug hält. Springt vom Dreimeterbrett in ein Becken voller Schaumstoffwürfel, lässt sich in dicke Gymnastikmatten fallen, macht Vorwärts- und Rückwärstssalti. Wir waren alle wieder fünfeinhalb Jahre alt und holten uns feinsten Muskelkater im Hintern. Aber das war es Wert.

Zurück bei Johannas Eltern wurde in bester, finnischer Manier die Sauna angeworfen, bevor wir alle drei fix und fertig in unsere Betten fielen. Am nächsten Morgen mussten wir um 5 Uhr raus, mein Flug ging um 8, und ich musste um 10 Uhr deutscher Zeit in meiner Vorlesung sitzen.

„Danke nochmal. Danke für alles, das war ein ganz besonderes Wochenende.“ sagte ich.

„Selber danke! Wir haben alleine sonst auch nie so aufregende Tage.“ sage Johanna.

„Gute Nacht.“ sagte ich.

„Gute Nacht.“ sagte Johanna.

Und am nächsten Morgen flog ich nach Hause.

1 Kommentar

  1. Hallo Klara,ich glaube nur Du kannst so aus vollem Herzen genießen!Wie gern würde ich durch diesen herrlichen Wald stapfen!! Und besonders freut es mich,daß Du so schöne Begegnungen mit Menschen hast!Einen guten 4. Advent wünsche ich Dir und grüße Dich Rosemarie Wendenburg

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